Donnerstag, 2. April 2015

Vom Sicherheitswahn und Risikobewunderung

Vom Sicherheitswahn und Risikobewunderung

Heute möchte ich gerne ein Thema beleuchten, dass mich als Profi Bergführer und auch als Vortragender in vielen Vorträgen beschäftigt. Das Thema Risiko respektive Sicherheit und wie in unserer Gesellschaft damit umgegangen wird. 

In unserer Gesellschaft wird für viele Bereiche eine absolute Sicherheit gefordert. Jüngstes Beispiel dafür sind etwa die offiziellen Reaktionen auf den Selbstmord des Piloten der Germanwings Maschine. Vielfach wird nach Ereignissen sofort nach einer Anlaßgesetzgebung gerufen, und auch übereilt gleich durchgezogen. Ich denke, dass man dem Risiko eines Selbstmörders in Führungsfunktionen immer hilflos ausgeliefert sein wird. Was ist mit einem Buschauffeur, der mit einem voll besetzten Bus in einen Abgrund fährt, was mit einem Lokführer, der seinen Zug nicht ordnungsgemäß fährt, was mit einem Bergführer, der seine Gäste mit in den Tod nehmen will...? 


Symbolbild: mit ABS und sonst noch allerhand Ausrüstung

Mir fällt gernerell besonders in den letzten Jahren, ein immer stärker werdender Trend beim Bergsteigen, speziell beim Schitourengehen, auf. 
Die Leute schleppen im Streben nach einer umfassenden Sicherheit alle möglichen Sicherheitseinrichtungen auf ihre Tour mit. Es ist mittlerweile gar keine Seltenheit mehr, dass ein einzelner Tourengeher nicht nur das obligate Lawinenpieps und einen Lawinenballon mit hat, sondern auch noch einen "Avalung Rüssel" mit dabei. Oftmals sind die Leute dann durch das Verhältnis Ausrüstungsgewicht zu körperlicher Konstitution, sprich Kondition, wieder in Summe gefährlicher, weil langsamer und nicht selten am absoluten körperlichen Limit, unterwegs. Was nützen sämtliche Lawinensicherheitsausrüstungen, wenn man dann völlig entkräftet und überfordert, seine Purzelbäume in den Schnee legt. Das Verletzungsrisiko durch die Entkräftigung ist dann oft viel größer als eine eventuelle Lawinengefahr.

Wolfgang Güllig in Seperate Reality

Gleichzeitig werden aber - vor allem im Sport - Helden glorifiziert, die ein immenses Risiko eingehen. Kopfkameras, Videofilmchen im Internet und sozialen Foren erleben offenbar einen noch nie geahnten Zulauf.Auch in den mit millionenaufwand produzierten Hollywoodfilmen wird den Menschen heute  ein Heldentum durch eingegangenes und überstandenes Risiko verkauft. Offensichtlich trifft dieses Heldentum, und damit eine Akzeptanz von maximalen Risiko, also doch auch ein Grundbedürfnis der Menschheit. Auch beim Bergsteigen werden die "Heldentaten" der Spitzenprofis  oft enorm bewundert. Man denke nur an diverse "free solo" Klettereien im höchsten Schwierikgeitsgraden, oder heldenmütige Extremtouren an riesigen Achttausender Wänden.

Auf den ersten Blick sieht es also so aus, dass in der "öffentlichen Meinung" mit zweierlei Maß gemessen wird. Hier die Forderung nach der ultimativen Sicherheit und dort die grenzenlose Bewunderung von Sportlern und Bergsteigern, die ein unglaubliches Risiko eingehen.  Das passt doch irgendwie gar nicht zusammen? Will man sich also selbst in absoluter Sicherheit wägen, während man anderen bei immer halsbrecherischen Aktionen zusieht? Sensationslust gab es schon immer, aber beim Bergsteigen kommt mir vor, ist die Schere zwischen Sicherheit und Risiko noch nie so auseinander geklafft wie jetzt.

Was meint ihr dazu?




Kommentare:

  1. Servus Walter,

    da Du dort auch aktiv bist, erlaube ich mir, einen thread auf Gipfeltreffen.at zu verlinken, in dem wir ziemlich genau dieses Thema diskutiert haben: http://www.gipfeltreffen.at/showthread.php?78120-Risikokultur-und-Selbstdarstellung-beim-Bergsteigen Die Diskussion war interessant und lohnt meiner Meinung nach das Nachlesen.

    Schöne Grüße
    Hannes

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Hätten wir immer unter der Prämisse der absoluten Sicherheit agiert, würden wir heute noch in Höhlen hausen und an einer Blinddarmentzündung sterben. Hätten unsere menschliche Rasse ausnahmslos aus Helden und Draufgängern bestanden, gäbe es uns auch nicht mehr. Wie immer, ein gesundes Abwägen, entsprechendes Wissen, Erfahrung, Mut zum Risiko, aber nicht gleich Harakiri ist vermutlich der zielführende Weg. Andreas

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