Donnerstag, 12. Mai 2016

Preiskrieg am Everest? Wie wirken sich die Änderungen aktuell aus?


der Mt. Everest

In diesen Tagen feiere ich seit einigen Jahren meinen zweiten Geburtstag. Von hoch oben an der Westschulter des Mt. Everest hatte sich damals ein riesiger Teil eines Hängegletschers gelöst, und raste, tod- und verderben bringend, direkt auf unsere Gruppe zu. Donnernd wälzte sich eine riesige Masse aus blauen Eistrümmern, von Kopf- bis Kastengröße, vermischt mit feinsten Eispartikeln mitten durch den berüchtigten Khumbu Eisbruch, und traf am unteren Ende auf die Aufstiegsroute. Der Sherpa Lapka Nuru wurde nur einen halben Meter neben mir von Eistrümmern getötet, während ich kopfüber in eine schmale Gletscherspalte geschleudert wurde. Nach rund 15 Metern blieb ich in einer Verengung aus blauem, blankem Eis stecken, kopfüber und am ganzen Körper "zerdebbert".

Langsam, bedingt durch mein Körpergewicht und durch das Schmelzen des Eises, sank ich immer tiefer und wurde so immer enger eingezwängt, wie in einem überdimensionalen Nussknacker pressten die nach unten enger werdenden Eiswände die Luft aus meinem Körper. Ich konnte meine Hände, Kopf und Beine nur mehr sehr eingeschränkt bewegen und unter mir eine große Blutlache auf einem Schneefleck in der Dämmerung erkennen. Eigentlich war ich lebendig in meinem eisigen Grab, rund 15 Meter unter der Oberfläche, begraben.
Die märchenhaften Eisformationen und riesigen Eiszapfen in dieser eisigen Unterwelt nahm ich nur noch in meinem Unterbewußtsein wahr, während ich verzweifelt versuchte, mich mit bloßen Händen aus dem blauen, blankem, Eis zu befreien. Immer kurzatmiger wurde ich, langsam fror ich jämmerlich und war außerdem pitschnass vom Schmelzwasser......

Lawinen sind die häufigste Todesursache am Mt. Everest, hier ein zerstörtes C 1

Ich war bereits seit einiger Zeit bewußtlos, als ich in letzter Sekunde aus meinem eisigen Grab in rund 5 700 m Höhe befreit wurde. In einer großangelegten und gut organisierten Rettungsaktion, nahezu aller relevanten Teams, konnte ich gerettet werden.

Aufgrund dieses dramatischen Erlebnisses - und auch natürlich wegen insgesamt doch rund acht Monate verbrachter Zeit (anläßlich von vier Expeditionen, 2005, 2006, 2008, 2009) im Basislager des Mt. Everests, verfolge ich nicht ganz emotionslos die Ereignisse, die sich Jahr um Jahr am höchsten Berg der Welt abspielen.

Vor rund einem Jahr habe ich meine Einschätzung bezüglich der "Sherpa Situation" und des Generalstreiks einiger Sherpas im Jahr 2014  geschildert. 2015 gab es dann das katastrophale Erdbeben mit der rieigen Lawine ins Basecamp. Diese Vorfälle hatten insgesamt zur Folge, dass die Anzahl der westlichen Bergsteiger, die eine so enorme Geldsumme, wie jene für eine Mt Everestbesteigung nötige, aufbringen können, signifikant zurück gegangen ist. Zwischen 200 und 300 Bergsteiger sind heuer am Berg unterwegs und wie es scheint läuft alles in ruhigen Bahnen ab.

Auf leisen Sohlen schleicht sich nun offenbar aber ein neues Problem auf den "Everestmarkt":
NBC News brachte am 8. Mai einen sehr interessanten Artikel darüber:

http://www.nbcnews.com/news/world/mount-everest-guide-services-warn-about-cut-rate-competitors-n569626

Hier ein Zitat daraus von meinem langjährigen Bergführer - Kollegen an vielen der "Seven Summits", Freund und letztendlich auch Lebensretter, Willi Benegas:


"..... many of the low-cost operators also use old equipment to save money. That enables them to charge clients as little as $20,000 for an assault on the mountain, far less than the $40,000 to $60,000 that many established companies charge. (Some luxury outfits charge clients as much as $100,000)."

Kaffee mit Willi Benegas im Everest BC, 2005
 So erfahrene, aber auch teure, Veranstalter wie etwa der aus  vielen Fernseh Dokumentationen bekannte, Russel Brice, meinen, dass viele der "neuen billigen Agenturen" Sherpas ohne Höhenerfahrung für den Lastentransport durch den gefährlichen Khumbu Eisbruch und auch in größere Höhen über 6000 m einsetzen.

Russel Brice: "The new lot, they hire these young boys who have never been on a mountain and their first trip is carrying loads to the South Col (8000 m)," he warned. "How is that fair? Who is looking after them?"

Einige wenige unseriöse Anbieter, die sich im Internet leicht als seriös und mit langjähriger Erfahrung tarnen können, hatten in den vergangen Jahren Probleme mit überforderten Gästen/Teilnehmern. Es scheint, dass da in Zukunft noch ein Problem mit unerfahrenen und unausgebildeten Sherpas dazu kommen könnte. Sollten sich Expeditionen auf den höchsten Berg der Welt noch weiter verbilligen, so wird das wieder mehr Menschen, oftmals auch überforderte, anziehen befürchten viele "Veteranen".


Das wird in Zukunft die Gefahren am höchsten Berg der Welt noch erhöhen, wo selbst sehr erfahrene Sherpas und Führer in rasch in Lebensgefahr kommen können.

Derzeit gibt es keine Mindestlöhne oder gesetzliche Regelungen zur Entlohnung der Sherpas. Der Trend zu "billigeren" Arbeitskräften und damit "Endverbraucher Preisen" am Everest könnte die etablierten teuren Veranstalter zu reduzierten Löhnen treiben, oder überhaupt gleich ganz aus dem Geschäft, meinen viele Insider.

"Billig Agenturen", die den Everest um 20 000 $ anbieten, haben nur eine sehr geringe Spanne, wenn man davon die 11 000 $ Permitgebühr noch abzieht. Man muss dabei bedenken, dass die Mannschaften, Köche, Träger, Sherpas und natürlich auch Bergsteiger mindestens 2 Monate am Berg sind.  Normalerweise verdient ein "arrivierter Sherpa" rund 6000 $ an einer Expedition, "billig Agenturen" bezahlen jedoch unerfahrenen newcomern unter den Sherpas nur rund 800 $.....

Auf der einen Seite gibt es aber sehr gut ausgebildetes "Personal": Viele Sherpas besuchen "climbing schools", westliche Bergführer sind normalerweise nach dem Standard der "International Federated Mountain Guides Associations" ausgebildet. Auf der anderen Seite wird für die Arbeit am höchsten Berg der Welt keinerlei Qualifikation verlangt!!

Oftmals wissen zahlende Teilnehmer dann gar nicht, welche Ausbildung ihr "Guide", Bergführer, hat, oder die Sherpas haben. 


Wir werden sehen, was die Zukunft bringt, hoffentlich nicht wieder eine große Katastrophe, denn gesund vom Berg nach Hause kommen wollen wir doch alle.








Montag, 25. April 2016

Alpin Journal: Wie düster ist die Zukunft gesponserter Profi Alpi...

Alpin Journal: Wie düster ist die Zukunft gesponserter Profi Alpi...: Wie düster ist die Zukunft gesponserter Profi Alpinisten?   Vor einigen Tagen sind wir von zwei traumhaft schönen Wochen in Island nach H...

Wie düster ist die Zukunft gesponserter Profi Alpinisten?

Wie düster ist die Zukunft gesponserter Profi Alpinisten? 

Vor einigen Tagen sind wir von zwei traumhaft schönen Wochen in Island nach Hause gekommen. Das Saisonende verbunden mit den momentanen Wetterkapriolen ließen mir Zeit, etwas in der Alpinliteratur zu stöbern.
Dabei bin ich auf einen Artikel im "Outside magazin" gestoßen, der einen interessanten Einblick in das "neue Sponsorverhalten" diverser Konzerne bietet.

http://www.outsideonline.com/2070866/social-media-screwing-over-explorers-iceland-coldest-crossing


ein kleines Zelt auf über 4000 m, mitten in der Antarktis, Abenteuer pur!
Vier blutjunge englische Abenteurer hatten in typisch englischer Manier (kaum vorbereitet und kaum Erfahrung in dem Spezialgebiet) eine "first unsupported winter crossing of Iceland" versucht. Ein sprichwörtlicher Kaltstart in "subarktischer Wildnis, knapp am Polarkreis". Bei uns wurde diese "Expedition" kaum bekannt, umso mehr Staub wirbelte das Unternehmen der Engländer in Island auf.  Kaum vorbereitet - dieser Vorwurf stimmt so nicht ganz. Die Gruppe war perfekt in den neuen Medien vertreten, inklusiver diverser Übertreibungen und halbwahren "firsts". Natürlich wurde Island schon mehrfach auf diversen Routen zu allen Jahreszeiten durchquert, eventuell noch nicht vom nördlichsten Zipfel bis zur letzten Halbinsel im Süden und das im Winter. Geendet hat das Unternehmen dem Vernehmen nach in einer glücklichen Aktion der lokalen Rettungsbehörden, da es den jungen Briten schließlich doch zu kalt und unwirtlich geworden war. Für Medienecho in England, entsprechenden "clicks" war trotzdem gesorgt, und am Ende haben die vier so offenbar ein nettes Sümmchen mit ihrer Aktion verdient.

auf Expedition in der Antarktis, exclusiv vom Erlebniswert und Geldwert
Na und, wird sich mancher Leser fragen. Haben halt ein paar junge Leute halbseriös "Kohle gemacht".  Die Aktion ist aber doch symptomatisch für unsere Zeit und wirft schon einige Fragen oder Probleme auf. So ist der "Sponsormarkt" in etwa immer gleich groß, die Gelder werden also in einem Verdrängungsprozess verteilt. So wie etwa die gesamten Printmedien kaum mehr Einkommen aus Inseraten erhalten, da die Budges ins Internet wandern, haben "echte Profiabenteurer" zunehmend ein Problem, ihre Abenteuer zu finanzieren, sofern sie nicht wirklich "gut mit social media" sind.
Was heisst denn nun eigentlich gesponsert? So manche junge Burschen kleben sich das Logo eines bekannten Brauseherstellers auf die Stirn, und suggerieren damit ihren Freunden, gesponsert zu sein. Der Konzern hat es für sich geschafft, dass es unter Jugendlichen offenbar "cool" ist, für diese Firma zu werben - völlig unabhängig von einer entsprechenden Entschädigung. Dies ist natürlich noch kein Sponsoring!!

Will man wirklich von seinen Abenteuern und Reisen leben, so ist da schon ein beträchtlicher Mehraufwand notwendig. Die benötigte Ausrüstung für einen Trip stellt für einen Profi eigentlich das Minimum des Aufwandes dar. Meistens hat man sowieso schon Ausrüstung im Überfluss, und eher ein Lagerproblem, als ein Ausrüstungsproblem. Also Ausrüstungs - Sponsoring ist eher Nebensache, ein "nice to have". Eben eine Notwendigkeit, wenn man von einer Firma Geld erhält, um "content" also Inhalt zu produzieren. Da sollten dann schon die Ausrüstungsgegenstände des Sponsors eben zu sehen sein. Betreibt man ein Abenteurerleben aber professionell, so benötigt man schlicht und einfach eben Geld.
Ein viel größeres Problem als Ausrüstung stellt die Produktion des erwähnten "contents" dar. Filmchen und Fotos in perfekter Profiqualität sind da heute schon der Standard, und alles natürlich in Echtzeit im Internet. Abgerechnet wird nur noch in "clicks". 
Dies führt zum nächsten entscheidenden Problem für Profis. Gute Abenteuer, tolle Touren, weiße Flecken auf der Landkarte haben naturgemäß keine berühmten Namen. Es ist somit also sehr schwer, Menschenmassen dazu zu bringen, auf einen bestimmten Inhalt zu  klicken. Derzeit wird dies hautpsächlich durch immer noch verrücktere, absolut lebensgefährliche "Stunts" erreicht. Dies führt wiederum zu entsprechenden Unfällen, was viele Firmen aber wieder zum Rückzug veranlaßt hat. Z. B. kündigte die amerikanische Firma "Cliff bars" Sponsor Verträge zu bekannten Solokletterern. Nicht zu vernachlässigen ist auch noch die technische Herausforderung, von solch entlegenen "weissen Flecken" möglichst in Echtzeit und entsprechender Qualität den Inhalt ins Internet einspeisen zu können. Das erfordert teilweise schon wirkliches technisches Insiderwissen und entsprechendes high tech Gerät.

Ein weiterer Aspekt bei wirklichen Abenteuern ist natürlich der generelle Möglichkeit des Scheiterns. Und das kann natürlich keine große Werbekampangne als Grundlage haben. Damit ein Athlet wirklich große Abenteuer erleben kann, benötigt er eine Erfahrungszeit, in der man sich von Aktion zu Aktion quasi hinaufarbeitet. Es steigt nicht nur die Erfahrung im Gelände, sondern es steigen auch die Kontakte und man hat auch viel mehr "Horizont um das Ganze". Gleichzeitig wird aber gefordert, mit Filmkamera und Internet perfekt auf "Du und Du" zu sein, und genau da happert es leider bei vielen. Dieses Manko führt derzeit dazu, dass bekannte Athleten Schwierigkeiten haben zu Sponsoren für "gute Aktionen" zu bekommen. Ein amerikanischer Bekannter von mir, Andrew McLean, bekennt sich offen zu diesem Manko. Dabei hat er immerhin z. B. die erst Schibefahrung des Mt. Hunters absolviert, oder unglaubliche Expeditionen in der Antarktis überstanden.

Die bekannte Bergsportfirma Mountain Hardware hat sich zum Beispiel von Leuten wie Ueli Steck getrennt. Gleichzeitig hat ein Freund von mir, Mike Libecki es geschafft, bei Mountain Hardware an Bord zu bleiben. Er vermarktet aber mitlerweile kaum mehr seine Extremtouren, wie etwa Solo BigWall Klettern in der Antarktis, sondern fährt mit seiner kleinen Tochter auf den Killimandscharo. Dafür ist es für ihn viel leichter "Inhalt, sprich content" zu kreiren und damit für seinen Sponsor und dessen "Massenzielgruppe" wertvoll zu bleiben. 

Was heisst das nun für die Zukunft der Profibergsteiger? Es wird tastsächlich immer schwieriger Geld (denn das benötigst du am dringendsten) für das "Verschieben von Grenzen", für echte Abenteuer, aufzutreiben. 

Wird sich was ändern? Ich glaub wenig. Es wird weiterhin Idealisten geben, die sich einfach auf die Reise machen werden und tolle Dinge erleben. Davor und danach halt mehr oder weniger lang "buddeln" bis das benötigte Geld in der Kasse ist. Wirklich schade ist dabei, dass gleichzeitig "Pseudoabenteurer", oder mit irgendwie "halben Dingen" offenbar das große Geld gemacht werden kann. 

Auch kann man beobachten, dass einige Profialpinisten sich ihre Ziele eben in bekanntem und erschlossenem Raum such(t)en. So hat Alex Huber bereits vor vielen Jahren in der Nordwand der Westlichen Zinne mit "Bella Vista", bzw. seinem Solo in der Hasse Brandler Alpingeschichte schreiben können. Ein Ueli Steck wurde durch seine Speed Rekorde durch die Eiger Nordwand einer großen, "nicht bergsteigenaffinen" Menschenmasse bekannt. Bekanntheit des Namens der Akteure und des Zieles in Kombination ist offenbar ein (kurzer) Ausweg aus dem Einkommensdilemma verschiedener Profis.



Donnerstag, 21. April 2016

Alpin Journal: Was Schitourengeher und Heuschrecken gemeinsam hab...

Alpin Journal: Was Schitourengeher und Heuschrecken gemeinsam hab...: Was Schitourengeher und Heuschrecken gemeinsam haben - Versuch einer Analyse Frühling in Island, in den Alpen ist die Schitourensaison sc...

Was Schitourengeher und Heuschrecken gemeinsam haben


Was Schitourengeher und Heuschrecken gemeinsam haben - Versuch einer Analyse

Frühling in Island, in den Alpen ist die Schitourensaison schon weitgehend vorbei. Im hohen Norden, in den Fjorden der Trollhalbinsel Islands, nahezu am Polarkreis, fängt die Saison gerade mal an. 

Start  zu einer traumhaften Schitourn in Island

Seit nunmehr rund 25 Jahren bereise ich den Globus in allen Richtungen mit Gästen in Sachen Berge. Natürlich hat sich in dieser Zeit auch eine Menge geändert. Unsere Erde ist nun mal rund und dreht sich weiter. Manche Gegenden werden von Zeit zu Zeit gefährlicher, andere wiederum scheinen ein Hort des Friedens zu bleiben.

Reisen und auf Berge steigen gehört für mich nun mal zusammen - beides hat mit Entdecken und Abenteuer zu tun. Ich bin in der glücklichen Lage, Abenteuer von denen ich als kleiner Bub mit glühenden Ohren gelesen habe, beruflich in meinem Leben real zu erleben.  

Entscheidender Bedeutung kommt selbstverständlich der Wahl des Zieles zu. Natürlich gab es früher viel weniger Menschen, die in die Berge gingen, vor allem viel weniger Schitourengeher. Und natürlich gab es immer schon Ziele, Berge, die man einfach "gemacht haben" mußte. Die daraus resultierende Konzentration an Menschen war aber immer noch überschaubar. Klar, Bergsteiger such(t)en die Bergeinsamkeit, um sich in der Ruhe der Natur zu erholen und Energie zu tanken.

Irgendwie kommt es mir heute vor, hat sich die Einstellung vieler Bergsteiger bzw. Schitourengeher verändert. Man hat einfach den Eindruck im Zeitalter von Facebook, Pinterest und Internet insgesamt, dass es immer mehr darum geht, "in" zu sein, "dabei zu sein", um ein Filmchen oder Foto von der Tour, die man "gemacht" hat, zu ergattern. 

Ist eigentlich eh  ein komischer Begriff: "Tour die man gemacht" hat. Man macht doch keine Tour, oder Berg. Man erwandert oder besteigt den Berg, oder absolviert von mir aus eine Tour. Aber die Berge, Wände, Grate und Firnflanken wurden doch von der "Natur gemacht", oder?
Na ja, eine Reise macht man, da paßt es dann wieder zusammen. 
 
Abfahrten bis hinunter zum Eismeer, eine faszinierende Erfahrung!

Was mir aber wirklich im Laufe der Zeit auffällt, ist ein bestimmtes Muster. Ein Muster, dass Bergsteiger (Schitourengeher) und Heuschrecken scheinbar gemeinsam haben. Wie eine riesen Welle schwappt eine Masse an Menschen von Gebiet zu Gebiet, von Berg zu Berg. 

Solche "Trends" sind relativ schwer im Voraus zu beurteilen, im Rückblick ist das schon leichter.  Vor der Jahrtausendwende waren Schitouren in Afrika in aller Munde. Das Internet trat seinen endgültigen Siegeszug an, und damit begann eine Flut an Informationen. Plötzlich wollte jeder vom Viertausender im Hohen Atlas, von perfekten Firnhängen direkt in die Oasen der Sahara sehen. Nach einigen Jahren flaute dieser Trend etwas ab, nur um von den Abruzzen in Süditalien abgelöst zu werden. Zugegeben, die hunderte Meter langen, perfekt geformten Schihänge gepaart mit italienischem Essen und Flair, das hat schon was. 
Als ich 2003 zum ersten Mal in Tromsö in Nordnorwegen  Schitouren von einem Schiff in den diversen Fjorden um Lyngen machte, ahnte ich noch nicht, dass rund zehn Jahre später diese einsame Gegend von Schitourengehern ähnlich einem Heuschreckenschwarm überschwemmt werden würde. 

Und die "Herde" zog weiter. Heute kann es schon mal sein, dass man in den "einsamen Bergen" im Norden Islands mehr Tiroler trifft, als im Stubaital.


Eines ist aber heute unverändert wie früher, man will was erleben und freut sich, wenn man von Abenteuern berichten, erzählen kann.  

Als Bergführer, der von den Touren mit seinen Gästen lebt, ist man so immer irgendwie in der Zwickmühle. Einerseits findet man einsame Gegenden alpiner, anspruchsvoller, andererseits muss man die Touren anbieten, wo Gäste hinwollen. Und so wirkt man natürlich selbst wieder verstärkend auf den Trend und ist selber Teil des "Heuschreckenschwarms". Spannend bleibt, wohin es als nächstes geht. Ein heisser Tip von mir wäre Andalusien, es gibt da herrliche Schitouren in der Sierra Nevada gepaart mit den kulturellen highlights in Granada.

Dienstag, 8. März 2016

Alpin Journal: Ein Grenzerlebnis am Mt. Everest

Alpin Journal: Ein Grenzerlebnis am Mt. Everest: Ein Grenzerlebnis am Mt. Everest Heute mal eine etwas Andere Geschichte. Bei meinen insgesamt 4 Expeditionen zum höchsten Berg der We...

Ein Grenzerlebnis am Mt. Everest

Ein Grenzerlebnis am Mt. Everest


Heute mal eine etwas Andere Geschichte. Bei meinen insgesamt 4 Expeditionen zum höchsten Berg der Welt kam ich selbstverständlich in die Eine oder Andere Grenzsituation. 

Zelte am Südcol, dem höschsten Campingplatz der Welt (7 980m)

Diese Geschichte beschreibt, wie ich mich mitten in der Nacht, mitten in einem Sturm auf über 8000 Metern Höhe verirrt hatte, und was mir dabei durch den Kopf ging.

Du hast es versprochen, Papa!

„Du hast es versprochen Papa!“, „ja, ganz bestimmt, wenn ich aus Nepal zurückkomme, gehen wir mit dem Zelt in die Berge und übernachten da ganz hoch droben“, verspreche ich noch meinen beiden Töchtern vor der Abreise. Und nun sitze ich da, da in der totalen Scheiße!

Stell dir vor, es ist Nacht, nicht irgendeine Nacht, nein, stock dunkel, ohne Mond und es stürmt, dass es immer wieder riesige Schneefahnen vom Gletschereis durch die Gegend peitscht. – Du hast es versprochen, Papa!- geht mir mein Versprechen an meine Töchter  immer wieder durch den Kopf.
Auf 5 500 m hast du noch die Hälfte der Luft zum Atmen, aber hier heroben auf ca. 8 200 m sind es vielleicht noch  20 %. Ich sitze hoch über dem höchsten Pass der Welt zwischen dem Mt. Everest und dem Lhotse im Sturm auf meinem Rucksack und überlege. Normalerweise hat man hier heroben ein funktionierendes Sauerstoffgerät. Mein Sauerstoffgerät funktioniert nicht, dafür habe ich eine ca. 10 kg schwere O2 Flasche im Rucksack. Renate ist mit den Freunden weiter gestiegen, sie wollen trotz des Sturmes einen Gipfelversuch wagen. – Du hast es versprochen, Papa, geistert mir mein Versprechen immer wieder im Kopf herum.   

Es nützt nichts, meine Zehen sind schon eiskalt, und die Stirnlampe wird auch nicht mehr lange leuchten. Tief drunten, bei unseren Zelten kann ich das regelmäßige Leuchten einer Blinkleuchte erkennen. Wie ein Leuchtturm in der Brandung verspricht es Geborgenheit und Wärme – wenn es nicht soo weit weg wäre! Ich reiße mich zusammen. Auf! Langsam, jeder Schritt unendlich mühsam, taste ich mich tiefer. Jetzt müssten langsam die ersten Fixseile auftauchen. Verstört leuchte ich mit meiner immer schwächer werdenden  Lampe in die Dunkelheit. Wie die Scheinwerfer eines Autos leuchtet der Lichtkegel einen bestimmten Bereich ab, daneben  ist nichts als eiskalte, schwarze Dunkelheit. Kein Seil in Sicht. Wohin ich mich auch drehe, nichts als kaltes Eis und immer wieder vom Sturm aufgewirbelte Wolken von Schneestaub. Das Gelände wird steiler, ca. 50 Grad, blaues blankes Eis, unterbrochen von einigen schmalen Pulverschnee Bändern.  Du hast es versprochen, Papa! schießt es mir durch den Kopf, ich muss wieder heimkommen. Ich setze mich auf meine Rucksack, hechelnd, wie ein ertrinkender nach Luft schnappend

Hier ist es mir ohne Fixseil bei Dunkelheit und Sturm viel zu gefährlich. Meine Instinkte, durch 20 Jahre hauptberufliches Bergführen geschärft, raten mir in flacheres Gelände Richtung Kang Sung Wand zu queren. Plötzlich, völlig ohne Vorwarnung ist ein Fuß weg. Ich hänge mit einem Fuß in einer Gletscherspalte, mit der anderen Körperhälfte über der 50 Grad steilen Blankeisflanke. Langsam, nur cm – weise gelingt es mir, vorsichtig den Fuß aus der Spalte zu ziehen, ständig darauf Achtend, nicht von der 10 kg schweren Sauerstoffflasche in den Abgrund gezogen zu werden. Ich liege wie ein Hund am Bauch und versuche verzweifelt genug Sauerstoff aus der dünnen Luft zu saugen. – Du hast es versprochen, Papa!


der Hillary step, danach ist man fast "oben"

Reiß dich zusammen, da unten, dort wo es blinkt, hast du es geschafft. Da gibt es alles, sogar Wärme  in Form von Schlafsäcken, in dieser sonst so total lebensfeindlichen Zone – nicht umsonst Todeszone genannt. Weiter. Dort drüben wird das Gelände endlich flacher. Der Lichtkegel der Stirnlampe leuchtet mir ein schmales Blankeisband aus, vielleicht 50 relativ steile Meter, unterbrochen von ca. 20 cm breiten Stufen alle 10 Meter.
Zehn mal, 20 mal atme ich durch bevor ich die bei so vielen Kursen gelehrte „Katzenbuckel“ Stellung einnehme. Plötzlich rutschen die Steigeisen, - das ist mir noch nie passiert. Das Eis ist derartig hart, dass die spitzigen, stählernen Zacken der Steigeisen kaum mehr eindringen können. Mit winzigen Schrittchen taste ich mich tiefer. Pause.  – Du hast es versprochen, Papa! Nach Luft hecheln und weiter. Plötzlich geht alles ganz schnell. Ein Fuß rutscht endgültig weg, der andere bleibt wie angeklebt stehen. Die Folge ist eine rasante Drehung und ein anschließende Kapriole mit Sprung. Ich stoße den Pickel mit aller Kraft und meinem gesamten Körpergewicht auf das blanke, blaue, diamantharte Eis. Es gelingt mir, meinen Körper zu stabilisieren. Luft, Luft, ich brauche mehr Luft. Langsam gehe ich in die Knie, sinke über den senkrecht gestellten Pickel zusammen, das Gesicht tief in die Handschuhe vergraben hechle ich – wie ein Ertrinkender – nach dem letzten Restchen Luft. – Du hast es versprochen, Papa!
Langsam, nach Minuten die sich wie Stunden ziehen, hebe ich den Kopf. Regelmäßig, noch immer gnadenlos weit weg, blinkt die Leuchte des Camps, wie die Signalleuchte eines Flugzeuges in 10 000 m Höhe. Noch immer rund zehn oder 15 Meter steiles, gefährliches Gelände. Ich konzentriere mich. – So wie ein Schirennläufer am Start die ersten Tore anvisiert, stiere ich völlig konzentriert auf das Pulverschneeband im Flachen. Noch fünf Schritte, noch drei, endlich. Wieder sinke ich auf den Boden und hechle verzweifelt nach Luft. Die Spannung ist weg. Zum Glück haben wir die Leuchte am Zelt. Jetzt muss ich „nur“ noch einige hundert Meter über fast flaches Gelände zu den Zelten. Der höchste „Campingplatz“ der Welt. Irgendwie schaffe ich es noch diese letzte Hürde zu überwinden. Welches war hier nur unser Zelt? Ich brauche einige Minuten, bis ich mich erinnern kann. Unendlich erleichtert gelingt es mir nach einigen Versuchen endlich die Steigeisen von den Schuhen zu lösen. Der Sturm tobt unvermittelt weiter, die Zelte flattern voll im Wind und geben ein knatterndes Geräusch von sich. Ich öffne die Apsis, sofort reißt mir der Sturm das Zelt aus der Hand. Mit letzter Kraft werfe ich mich auf meine Schlafsack – Du hast es versprochen, Papa, schießt es mir wie schon seit Stunden durch den Kopf. Ja, ich werde mit meinen Töchtern im Zelt übernachten, ganz hoch oben in den Bergen!   
zum ersten Mal am Gipfel des höchsten Berges der Welt