Der erfahrene Profi Bergführer, 3 fache Mt. Everest Besteiger als Bergführer mit Gästen, 1. Österr. auf den "7 Summits", Buchautor und Unternehmer Walter Laserer berichtet regelmäßig über Themen rund um das Bergsteigen. Kritisch und informativ werden Themen von Ausrüstung über Trends, Organisationen und Besteigungen hinterfragt und Diskussionen angeregt.
Mittwoch, 25. November 2015
Alpin Journal: Wegemarkierung - zuviel des Guten?
Alpin Journal: Wegemarkierung - zuviel des Guten?: Wegemarkierung - zuviel des Guten? Wohl kaum ein Thema wird so breit unter Wanderern diskutiert, wie die Markierung unserer Wanderwege. ...
Wegemarkierung - zuviel des Guten?
Wegemarkierung - zuviel des Guten?
Wohl kaum ein Thema wird so breit unter Wanderern diskutiert, wie die Markierung unserer Wanderwege.
Vor einiger Zeit war ich mit einer Gruppe Gästen am Dachstein unterwegs. Wir näherten uns dem Gipfel über mehrer Tage und interessantes Gelände von Norden her an. Ober der Waldgrenze konnte ich dann mit obiger Aufnahme einen markierten Wanderweg dokumentieren.
Es ist natürlich schon klar, dass der Alpenverein mustergültig in der Wegeerhaltung tätig ist. Der Einsatz vieler ehrenamtlicher Wegewarte kann nicht hoch genug geschätzt werden. Aber etwas Kritik sollte da trotzdem möglich sein.
Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum man ober der Waldgrenze Farbkleckse nahezu im Meterabstand platziert. Früher wurden die alten Wege und Steige mit sogenannten "Steindauben" markiert. Dabei wird ein länglicher Stein in handlichem Format an markanten Stellen platziert, wobei der Stein in Gehrichtung ausgerichtet ist. Eine solche Markierung ist überall dort wo es Steine gibt verhältnismäßig einfach zu errichten. Außerdem hat sie noch zusätzich den Vorteil, dass sie sicherlich umweltverträglicher ist, als hektoliterweise Ölfarbe im Gelände.
Gerade jetzt im Spätherbst sind Schlechtwettereinbrüche praktisch immer im Hochgebirge mit Neuschnee verbunden. Dann kann man ober der Waldgrenze von Farbmarkierungen kaum mehr etwas erkennen. Steindauben hingegen sind relativ unempfindlich was geringe Neuschneemengen angeht. Diese sind zumindest an den markanten Stellen selbst bei einigen cm Schnee leicht zu erkennen.
Mit anderen Worten plädiere ich für eine wesentlich verstärkte (Wieder) Einführung der Steindauben und einem Reduzieren der Farbkleckse im Gelände.
Ein weiterer Vorteil von Steindauben im Gelände ist meiner Meinung nach ein gewisser Lerneffekt auf Wanderer. Farbmarkierungen in grellen Farben lenken die Aufmerksamkeit etwas vom Wesentlichen ab. Ich meine damit, dass viele Wanderer es verlernt haben, oder gar nie beherrschten, im Gelände zu "lesen". Wo ist die günstigste Passage zum Durchkommen? Steindauben lenken den Blick eher ins Gelände und sind somit auch hilfreich um ein "Gefühl fürs Gelände" zu bekommen.
Es wäre sicherlich interessant, die Meinung eines breiteren Publikums zu dieser Frage zu erörtern.
Wohl kaum ein Thema wird so breit unter Wanderern diskutiert, wie die Markierung unserer Wanderwege.
| ....und trotzdem verirren sich da noch manche "Bergsteiger"...... |
Es ist natürlich schon klar, dass der Alpenverein mustergültig in der Wegeerhaltung tätig ist. Der Einsatz vieler ehrenamtlicher Wegewarte kann nicht hoch genug geschätzt werden. Aber etwas Kritik sollte da trotzdem möglich sein.
Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum man ober der Waldgrenze Farbkleckse nahezu im Meterabstand platziert. Früher wurden die alten Wege und Steige mit sogenannten "Steindauben" markiert. Dabei wird ein länglicher Stein in handlichem Format an markanten Stellen platziert, wobei der Stein in Gehrichtung ausgerichtet ist. Eine solche Markierung ist überall dort wo es Steine gibt verhältnismäßig einfach zu errichten. Außerdem hat sie noch zusätzich den Vorteil, dass sie sicherlich umweltverträglicher ist, als hektoliterweise Ölfarbe im Gelände.
Gerade jetzt im Spätherbst sind Schlechtwettereinbrüche praktisch immer im Hochgebirge mit Neuschnee verbunden. Dann kann man ober der Waldgrenze von Farbmarkierungen kaum mehr etwas erkennen. Steindauben hingegen sind relativ unempfindlich was geringe Neuschneemengen angeht. Diese sind zumindest an den markanten Stellen selbst bei einigen cm Schnee leicht zu erkennen.
| wären da nicht die guten alten "Steindauben" eine wesentlich sinnvollere Lösung? |
Ein weiterer Vorteil von Steindauben im Gelände ist meiner Meinung nach ein gewisser Lerneffekt auf Wanderer. Farbmarkierungen in grellen Farben lenken die Aufmerksamkeit etwas vom Wesentlichen ab. Ich meine damit, dass viele Wanderer es verlernt haben, oder gar nie beherrschten, im Gelände zu "lesen". Wo ist die günstigste Passage zum Durchkommen? Steindauben lenken den Blick eher ins Gelände und sind somit auch hilfreich um ein "Gefühl fürs Gelände" zu bekommen.
Es wäre sicherlich interessant, die Meinung eines breiteren Publikums zu dieser Frage zu erörtern.
Sonntag, 22. November 2015
Talung, 7 349 m - ein Abenteuer der Superlative
Talung, 7 349 m - ein Abenteuer der Superlative
während Uelli Steck wiedereinmal einen neuen Reckord in der Eiger Nordwand lief, fanden zwei unbekannte Bergsteiger aus der Ukraine ein grandioses Abenteuer an einem 7000 er.
Mikhail Fomin, Nikita Balabanov (Ukraine) von 18. bis 23. Oktober 2015
Erstbegehung von Daddy Magnum Force
Kletterlänge 2350 m, M6, AI6, A3 über die ganze Route ED2
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| Die Route mit den Camps |
Ich bin etwas sprachlos. Tatsächlich sind dieser Tage die alpinen Medien voll von einem relativ fantasielosem neuen Speed Rekord am Eiger. Uelli Steck hat in sich zurück geholt. Bei perfekten Verhältnissen ist er halt um einige Minuten schneller als jemand anderer durch seine "Heimatwand" gerannt. Zweifellos eine großartige Athletische Leistung.
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| Nikita Balabanov und Mikhail Fomin, aus der Ukraine |
Gleichzeitig machen zwei Bergsteiger aus der Ukraine eine Erstbegehung auf einen unbekannten 7000 er in Nepal und lösen damit eines der letzten großen Probleme im Himalajabergsteigen. Warum nur berichten unsere "Bergleitmedien" mehr von einem etablierten Wettlaufen auf einer mehrfach abgedroschenen Route?
Ich habe mir die Mühe gemacht, und Nikita Balabanov aus der Ukraine kontaktiert, um Informationen aus erster Hand zu bekommen:
Ursprünglich wollten die beiden Ukrainer ein Ziel im indischen Himalaja ansteuern. Aufgrund der Bürokratie entschlossen sie sich kurzerhand in das vom Erdbeben kaum betroffene Ostnepal aus zu weichen. In der Gegend des Kantsch Massives, im Schatten des dritthöchsten Berges der Welt, dem Kangchenjunga (8586m) und des mächtigen, bekannten Jannu fanden sie ein lohnendes Ziel - den Talung, 7349m.
Den wunderschönen und objektiv sicheren NNW Pfeiler hatten schon viele starke Bergsteiger in den vergangenen Jahren versucht. Die ersten Versuche gehen bis ins Jahr 2004 zurück. Die beiden Tschechen Marek Holecek und Zdenek Hruby versuchten es dann nach einem gescheiterten Versuch durch Engländer im Herbst 2012 nocheinmal. 2014 waren noch starke Italiener in Nepal, um diese logische Linie zu versuchen.
Für mich ist es sehr interessant, welche Taktik die beiden Ukrainer angewendet haben. Nach einem ungemütlichen Trekking mit der bekannten Blutegelplage in niedrigen Teilen Nepals, erreichten sie ihr Basislager. Die folgenden 2 Wochen verbrachten sie mit sorgfältigen Akklimatisationstouren und Erkundungen.
So bestiegen sie den Boko Peak, 6 143m und biwakierten am Gipfel. Weiters erkundeten sie noch den geplanten Abstieg des Talung über die Westseite. Sie kletterten bis auf 7 100 m und biwakierten auch dort.
Nach 3 Rasttagen während einer Schlechtwetterperiode fühlten sie sich bereit für ihre Tour. Verpflegung für 7 Tage und Gasvorräte für sogar 9 Tage wurden mitgenommen.
Durch die sorgfältige Erkundung war den beiden bekannt, dass die Route im unteren Teil sicher extrem schwierig werden würde. Gleichzeitig gab es aber auch eine große Unbekannte mit der zweiten Felszone relativ weit oben. Irgendwie konnte man die Schwierigkeiten mit Mixedlinien in Chamonix vergleichen - aber mit dem Unterschied, Gepäck für eine Woche im Rucksack und das ganze auf einer Höhe zwischen 5600m und 7349 m!! - die Zutaten für richtiges, großes Abenteuer eben!!
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| der Eiskamin in der ersten SL |
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| Kletterer in der 1. SL |
Die erste SL startet mit einem kleinen Eispfeiler über den Bergschrund, nach einem Spreitzschritt geht es an der Hauptwand mit M6 weiter. Nach ca. 10 Metern A3 Gelände mit zu dünnen Rissen für die Hauen der Eisgeräte (iron hawks und Normalhaken) geht es mit kaum Sicherungsmöglickeiten über Eisglasur an glatten Felsplatten zu einem Schlingenstand im Kamin.
Den beiden Ukrainern war klar, dass es in den nächsten Tagen hart werden würde, da die Route von der Erkundung her nirgends leicht aussah. Die nächsten drei Tage verbrachte die beiden mit klettern im Bereich von M 5 bis M 6, wobei aufgrund des geschlossenen Felses die Sicherungsmöglichkeiten sehr spärlich waren, also lange runouts mit schwerem Gepäck in großer Höhe!
Das Gelände war jedoch so beschaffen, dass es möglich war mit einer rund 2 stündigen Arbeit jeden Tag einen kleinen Absatz aus dem Eis für ein kleines BD Firstlight Zelt zu hauen.
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| im mittleren Wandteil |
Am fünften Tag erreichten die Ukrainer das zweite Felsband. Nach einigen mixed SL und dünnem Eis auf Felsplatten kamen sie zur Rampe die in Richtung Gipfel führte. Hier konnten sie wiederum eine Plattform fürs Zelt bauen.
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| Gipfel des Talzung 7349m |
Um 2 Uhr Nachmittags am 23. Oktober erreichten Balabanov und Fobin schließlich den Gipfel mit einer fantastischen Aussicht auf Kantsch und Jannu-.
Nach einigen Foto und Filmaufnahmen und dem obligatorischen Schokoriegel machten sie sich an den Abstieg über die Westflanke des Berges. Nach einem weiteren Biwak auf 6700m erreichten sie dann den Gletscher und bald danach ihr Basislager.
In Summe haben die beiden so zwischen 10 und 15 kg an Gewicht verloren und wiederum einiges an Erfahrung dazu gelernt, am Ende hat sich all die Mühe aber trotzdem gelohnt.
Diese Besteigung ist für mich sicherlich eine der hausragendsten Leistungen im Bergsport in diesem Jahr, wenn nicht überhaupt. Eine derart schwierige Route, zu zweit an einem entlegenen Himalja 7000 er, das ist, wie am Anfang erwähnt, sicher eine größere Leistung als der x te speed Rekord am Eiger.
Montag, 12. Oktober 2015
Alpin Journal: hart härter am härtesten - Patagonien solo im Wint...
Alpin Journal: hart härter am härtesten - Patagonien solo im Wint...: Hart, härter, am härtesten - Patagonien, Patagonien im Winter, Patagonien solo im Winter Bis vor noch gar nicht langer Zeit galten ...
Donnerstag, 8. Oktober 2015
Alpin Journal: Fehler: "Schuld" und Lernen aus Erfahrungen
Alpin Journal: Fehler: "Schuld" und Lernen aus Erfahrungen: Fehler: "Schuld" und Lernen aus Erfahrungen Die Vorkommnisse de s letzten Lawinenwinters haben wohl viele Kollegen, die in ver...
Fehler: "Schuld" und Lernen aus Erfahrungen
Fehler: "Schuld" und Lernen aus Erfahrungen
Die Vorkommnisse des letzten Lawinenwinters haben wohl viele Kollegen, die in verantwortlichen Positionen für alpines Lernen sitzen - sei es jetzt bei den großen alpinen Vereinen, Bergrettung oder privaten Alpinschulen - zum Nachdenken angeregt. Viel - allzuviel - ist passiert, aber wie können wir nun daraus lernen?
| Hubschrauber im winterlichen Hochgebirge - heute im alpinen Raum standard. |
Die Wintersaison ist vorbei und ich hatte ein wenig Zeit, mir Literatur zum Thema zu besorgen und auch durch zu ackern. Dabei bin ich auf sehr interessante Zusammenhänge gestoßen.
Eigentlich müßte man annehmen, dass viele Unfälle in den Bergen unerfahrenen Menschen oder jugendlichen Draufgängern passieren. Offenbar ist dem aber nicht so. Ich habe von praktisch keinem Unfall der Anfängern passierte gehört. Die mit Abstand meisten "Lawinen Unfälle" passieren "erfahrenen" Leuten, viele sind bei der Bergrettung aktiv, und einige waren sogar als "alte Haudegen" bekannte Bergführer. Warum passieren nun gerade solchen Leuten immer wieder Unfälle am Berg? Selbstverständlich sind solche Menschen auch viel mehr in den Bergen unterwegs, also ist die Wahrscheinlichkeit einmal in einem Unfall verwickelt zu sein auch höher. Aber gleichzeitig mit dem Mehr am Draussen sein, sollte auch die Erfahrung ja steigen. Diese Frage führt uns zwangsläufig zu der mittlerweile schon häufig diskutierten Frage ob es ein Lernen aus Erfahrung gibt bzw. unter welchen Voraussetzungen.
Lernen möchte ich hier in Zusammenhang mit Verhalten oder verändertem Verhalten bezogen auf eine Ursache sehen. In der Psychologie bezeichnet man eine "Ursachenzuschreibung des Verhaltens" als Attribution.
Nicht immer funktioniert Lernen bzw. Attribution also linear, geradeheraus und ohne Probleme. Es kommt bei diesem psychologischen Verhaltensmustern immer wieder zu "Rückschlägen" bzw. apprupten Unterbrechungen und Rückkoppelungen.
Es gibt fundamentaler Attributionsfehler (nach Lee Ross 1977):
bei Beurteilung von eigenem Verhalten (Fehlern) haben Menschen die Tendenz, die Ursachen situative Faktoren zuzuschreiben. Das heisst, wenn ich selber einen Blödsinn mache, dann waren halt die Umstände (Situation) "schuld".
bei der Beurteilung Anderer werden bevorzugt Personen Attributionen vorgenommen. Wenn jemand anderer einen Blödsinn macht, so hat die Person dann den "Fehler" gemacht.
Dieses Phänomen ist stärker, je unterschiedlicher das Verhalten des Anderen vom eigenen Verhalten zu sein scheint.
Umgelegt auf Bergsteigen würde das heissen, dass, wenn ich durch eigene Fehlentscheidungen in einen Unfall verwickelt werde, man einfach die Umstände, also objektive Situationen, dafür verantwortlich macht. Man neigt eher zu der Haltung, dass man da nix anders machen hätte können. In diesem Zusammenhang also auch in Punkto Änderung des eigene Verhaltens nichts zu lernen hat!
Analysiert man aber Bergunfälle von anderen Personen, so neigt man eher dazu, die andere Person dafür, also für Fehler,verantwortlich zu machen. Ein "fremde Unfallsituation" begünstigt also eher ein Erkennen eines "Lernbedarfs" bzw. eine Änderung des eigenen Verhaltens aufgrund der erfassten Information.
Dies zeigt uns also, wie wichtig Unfallanalyse und die Veröffentlichung der Ergebnisse ist. Menschen sind eher offen für das Lernen aus Fehlern anderer Personen, da sie dazu neigen, selbst gemachte Fehler auch vor sich selber zu vertuschen!
Eine weitere s psychologisch sehr interessante Tatsache ist die sogenannte Kontrollillusion: nach Langen (1975)
Bei dieser wird zwischen folgenden verschiedenen Situationen unterschieden:
Fähigkeitssituation: hier gibt es einen kausalen Zusammenhang zwischen Verhalten und dem Ergebnis. Damit wird das Ergebins eben kontrollierbar durch das Verhalten oder die Strategie der Person.
Zufallssituation: hier besteht kein Zusammenhang zwischen Verhalten und dem Ergebnis. Das Ergebnis des Verhaltens ist "zufällig", also unkontrolliert.
Enthält nun eine Zufallssituation auch nur den geringsten Hinweis auf eine Fähigkeitssituation, so entsteht daraus eine Illusion der Kontrolle. Die Versuchsperson glaubt aufgrund der Ähnlichkeit der Situation mit entsprechender Fähigkeitssituation alles unter Kontrolle zu haben. Tatsächlich handelt es sich allerdings hier eben um eine Illusion.
Ein bekanntes Beispiel dafür ist, wenn jemand selbst ein Los zieht, so hat er subjektiv das Gefühl eher zu gewinnen, hingegen wenn eine "Glücksfee" das Los zieht, weniger.
Was bedeutet diese Illusion nun im Zusammenhang mit der Bereitschaft oder Fähigkeit aus Erfahrung beim Bergsteigen zu lernen?
Wir alle haben es doch im Laufe der Jahre mit unendlich vielen verschiedenen Situationen zu tun bekommen. Wie oft habe ich etwa geglaubt, dass ich diese oder jene Situation im Griff habe. Nur um im Nachhinein zu erkennen, dass ich nur eben Glück gehabt habe, ich eben in Wirklichkeit nicht die gesamte Situation kontrollieren konnte. Ich denke, dass wir es beim Bergsteigen häufig mit so einer Kontrollillusion zu tun haben.
Es erfordert meiner Meinung nach eine gehörige Portion an Selbstvertrauen aber auch an sprichwörtlicher "Demut", dass man sich die Erkenntnis, dass man am Berg niemals alles unter Kontrolle haben kann, und die Natur eben nicht berechenbar ist, immer wieder bewußt aktiv in Erinnerung ruft.
Selbstwertdienliche Attribution:
Es kommt zu einer sogenannten Attributions Asymmetrie bei Erfolg bzw. Misserfolg. Erfolg wird den eigenen Fähigkeiten zugeschrieben, Misserfolg wird extern attribuiert. Also wenn etwas schief geht, ist immer etwas Anderes schuld. Die Ursache dafür liegt in den menschlichen Charakteristika: motivationale Prozesse, Selbstaufwertung, Selbstschutz und etwa dem Wunsch nach Kontrolle einer Situation. Solche unbewußte Abläufe finden bei jedem Menschen statt, nicht etwa nur bei Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl.
Ein Fazit aus den vielen Fremdwörtern und komplizierten Zusammenhängen ist nur relativ schwierig heraus zu kristallisieren.
Um aus Fehlern zu lernen, müssen wir sie als solches erkennen und sie uns auch selber erst mal eingestehen, und auch aktiv bewußt machen. Ein wichtiges Schlüsselwort ist hier sicherlich die Kritikfähigkeit sich selbst gegenüber. Viele suchen - wie oben erwähnt - bei anderen oder den Umständen die "Schuld", anstatt bei sich selbst anzufangen.
Ein für mich sehr interessanter Aspekt ist die obig erwähne Kontrollillusion. Wie oft haben wir die Illusion am Berg, oder in schwierigen Situationen alles unter Kontrolle zu haben, wobei sich letztlich aber dann doch wieder herausstellt, dass man einfach nur "Glück" gehabt hat. Aus solchen Situtaionen zu lernen ist sicherlich am schwersten, wenn nicht sogar nahezu unmöglich.
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| Schithochtouren sicher eine der Königsdisziplinen im Alpinismus, hier im Argentierkessel, Chamonix |
Ein sehr wichtiger Zugang ist auch Nachlässigkeit, Schlamperei, "paßt schon", "geht schon irgenwie"
Gerade in "Routinesituationen" muss man offensichtich noch mehr aufpassen bzw. "pingelig sein" damit man auf der sicheren Seite bleibt. Zusammenfassend ist also zu sagen, dass eine Portion Pedanterie in Punkto Sicherheit niemals ein Fehler ist und man - nicht nur als Bergsteiger - immer offen sein sollte zu lernen, sich ständig zu verbessern und neue Erkenntnisse aus der Sicherheitsforschung auch im Verhalten um zu setzen.
Vor allem "erfahrene Bergsteiger" sollten bereit sein, selbstkritisch ihr Verhalten am Berg und in der Natur immer wieder zu hinterfragen.
hart härter am härtesten - Patagonien solo im Winter
Hart, härter, am härtesten - Patagonien, Patagonien im Winter,
Patagonien solo im Winter
Bis vor noch gar nicht langer Zeit galten Klettertouren in Patagonien als Inbegriff des superharten Bergsteigens. Extreme Stürme, Wetterstürze und super harte Routen gewürzt mit Fels und Eis. Undenkbar schien da eine Steigerung der alpinistischen Leistung.
Die Grenze zwischen respektierter Superleistung und heftig kritisiertem Maximieren des Risikos stellte das Solo von Markus Pucher an der Ragni Route des Cerro Torres bei absolut schlechtem Wetter dar.
| die "Torres", Cerro Torre, Torre Egger, und Torre Standhardt, von li nach re. Bild: Marc Andre Leclerc |
Nun, die Spirale dreht sich weiter. Offensichtlich waren die Grenzen noch immer nicht erreicht. Es gab bereits einige ganz wenige Begehungen der berühmten Türme vor dem patagonsichen Innlandeis im Winter. Unter anderem von keinen geringeren als z. B. Thomas Huber und Stefan Siegrist und einigen ganz wenigen Bergsteigern. Ihrer Zeit weit voraus waren dann noch Tommy Bonapace and Toni Ponholzer mit der ersten Winterbegehung des Cerro Standhardt, via der Route Exocet am 2. September 1990. Undenkbar schien es allerdings bis dato, solch extreme Touren während der extrem kurzen Tage Winter auch noch im Solo zu unternehmen.
Die "neuen jungen Wilden" zeigen offenbar keinen Respekt und wagen das scheinbar Unmögliche. Markus Pucher aus Österreich versuchte die Ragni Route am Cerro Torre im Winter Solo, wurde aber durch starken Sturm und extrem schlechten Eisbedingungen zum Umkehren gezwungen. Er bewies für mich durch seine Umkehr, dass er sehr wohl eine verantwortungsvolle Risikobeurteilung macht, und es sich bei seinen superharten solos keineswegs um "gedankenloses Lottospielen" handelt.
Der erst 26 jährige Kandadier Marc Andre Leclerc wiederum zog alleine, allerdings zum Ende des Winters, also die Tage um den 20. September von El Chalten ins Nipponino Camp. Völlig alleine absolvierte er erstmal einige "Eingeh Solos", bevor er sich an die Routenkombination Tomahawk 450 m M7 WI 6 und Exocet 500 m WI 5 5 + am Cerro Standhart machte.
Zur Erklärung der Schwierigkeiten: die Gesamtlänge der Routenkombination beträgt also 950 m, davon an der Tamahawk Mixed 7 (Fels und Eis gemischt) und Wassereis 6, bzw. Wassereis 5 in der Exocet und im Fels 5 + .
Die Tatsache, dass er exakt nach dem Kallender betrachtet nicht mehr im Winter unterwegs war, schmälert meines Erachtens seine Leisung kaum. Die Bedingungen ändern sich da nicht innerhalb weniger Tage von Winter auf Sommer. Außerdem ist die größte Herausforderung völlig auf sich allein gestellt in der sturmumtosten Wildnis Patagoniens unterwegs zu sein. Trotzdem für Statistiker gilt natürlich die strenge Wahrheit, dass es sich also um keine "echte" Winterbegehung handelt.
| Tomahawk im unteren Wandteil, Bild: Leclerc |
Ich persönlich denke, dass die mentale Grenze im Kopf, gerade beim Bergsteigen im super extremen Bereich, sehr viel ausmacht. Denke das Unmögliche, versuche das Unmögliche, so wirst du letztendlich das Unmögliche möglich machen.
Ist diese Grenze einmal durchbrochen, dann ist es zum "realen Aufbruch" nur noch ein kleiner Schritt. Tatsächlich würde ich aber sagen, dass der erste Schritt auch der am schwersten zu machende ist. Solche mentale Stärke hat Marc Andre Leclerc schon im Februar 2015 bewiesen, als er die Cork- screw link-up, also eine Verbindung von der Kompressor Route (SO Grat) zur Ragni Route der Westwand des Cerro Torre erstmals im Solo zum Gipfel des Torre kletterte!
Der größte ist der Cerro Torre, der zweitgrößte Turm wurde zu ehren des Osttiroler Bergsteigers Toni Egger, der zusammen mit Cesare Maestri legendärer Pioniers des Bergsteigens in dieser Ecke der Welt war, Torre Egger benannt. Der dritte Turm, zwar der kleinste, aber trotzdem sehr schwierig zu besteigende Turm, heisst nach einem nach Argentinien ausgewanderten deutschen Fotografen Ernst Standhardt (geb. 1888). Er kam in den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts nach Patagonien und machte viele der ersten Fotos von den geheimnisumwitternden Bergen hier.
Marc Andre Leclerc berichtet, dass er im unteren Teil, also der schwierigeren Tomahawk, sogar einen Handschuh auszog, um sich besser im Fels halten zu können. Weiters hatte er das Glück, perfekte Eisverhältnisse vorzufinden. So war es ihm möglich mit äußerst wenig Sicherung die schwierigen Seillängen der vereisten Offwidth Risse zu klettern. Offenbar ist er sogar die schwierige Felslänge vom Ende des Kamins der Exocet zum Gipfeleis mit Steigeisen geklettert.
| Querung vom Ende der Kaminreihe zum Gipfelgrat, Bild: Leclerc |
| Kletterei in Exocet, Bild: Marc Andre Leclerc |
Der Gipfeleispilz hatte, wie öfters an den Torres, einen Eistunnel. Im Auftieg bereitete der Tunnel keine gröberen Schwierigkeiten. Doch zum Abseilen musste er sich sehr lang und schmal machen, um mit den Steigeisen an den Füßen durchrutschen zu können. Großes Glück hatte Marc Andre Leclerc dann noch einmal beim Abseilen, als ihm bei einem fixen Standplatz ein Klemmkeil bei Belastung herausging. Es gelang ihm aber, den Keil neu zu legen und mit einem Eisgerät fest zu hämmern.
| Marc Andre Leclerc am Gifpel des Torre Standhardt, Bild: Lerclerc |
Eine gefährliche Situation stellte am Gletscher die Überwindung einer großen Spalte dar, bevor er schließlich müde aber zufrieden in sein Zelt beim Nipponina Lager kriechen konnte.
Ich persönlich finde die "Spielart Solo Winterbergsteigen in Patagonien" als eine der härtesten Disziplinen des Bergsports überhaupt. Vielleicht noch erreicht von Solos an den entlegenen Felstürmen in Queen Maud Land/Antarktis, wie das etwa Mike Liebeky betrieben hat.
Im Gegensatz dazu sind Solos an den Achttausendern eher "harmlos", da man heute praktisch an keinem Achttausender in irgendeinem Lager wirklich alleine ist, - zumindest an den Normalwegen.
Was meint ihr dazu?
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