Dienstag, 1. Dezember 2015

Bergsteigen und Sponsoring - Geldverdienen als Profi Athlet



Als ich vor mittlerweile einigen Jahrzehnten begann, hauptberuflich während des ganzen Jahres als Bergführer zu leben, gab es nicht wenige Stimmen in der "Bergsteigergemeinde", die es für "ethisch nicht korrekt" hielten, mit Bergsteigen Geld zu verdienen. Nun gibt es bekanntlich verschiedenste Möglichkeiten vom Bergsteigen hauptberuflich zu leben. Neben der - mittlerweile völlig legitimierten Bergführerei - zum Beispiel die Produktion von Bergfilmen, oder eben als gesponserter Athlet.
Über den Wolken ist die Freiheit noch grenzenlos?
Welche Faktoren beeinflussen nun ein geplantes Sponsoring? Auf der einen Seite sicherlich die mediale Präsenz des Athleten und auf der anderen Seite seine "Performance", hier also die Leistung am Berg. Ein großes Problem für potentiell gesponserte Athleten stellt sicherlich das Fehlen eines Publikums dar. Wenn etwa ein Fussballspieler Woche für Woche zehntausende Zuschauer in einem Stadion begeistert und danach noch in den Fernsehnachrichten medial vorkommt, so hat ein potentieller Sponsor seine Gegenleistung.
Bergsteiger haben also kein "live Publikum" und kommen so gut wie nie in Fernsehnachrichten vor. Dies schränkt naturgemäß potentielles Sponsoring stark ein.

Daher gab es früher eine Notwendigkeit, dass Profi Bergsteiger über ihre "Heldentaten" nach Vollendung darüber berichten. Die Möglichkeiten dazu waren jedoch beschränkt: es gab Diavorträge vor Publikum, Berichte in Hochglanzmagazinen und eventuell Bücher, so der Athlet überhaupt in der Lage war, entsprechend zu Formulieren.
Grundsätzlich funktionierte das aber nur, wenn man den Berichten der Athleten auch trauen konnte, also wahrheitsgetreu berichtet wurde. In der Vergangenheit gab es da ja einige spektakuläre Fälle von "alpinem Münchhausentum".
ein Camp im Himalaja - wenig Platz, aber gutes Wetter

Die technische Weiterentwicklung und die negativen Erfahrungen mit "nicht ganz korrekten Berichten" führten schließlich dazu, dass sich das Dokumentieren der "Aktionen" im Zuge des Profi Bergsteigens weiterentwickelt hat. Zumindest wird heute eine natlose Erfassung der Touren in GPS tracks, die Produktion von Video sowie die Erstellung von Fotomaterial standardmäßig in professioneller Qualität betrieben. Die beiden Ukrainer Fomin und Balabanov haben zum Beispiel ihre Tour am Talung (7349m) im östlichen Himalaja minutiös dokumentiert und auch ein genaues Topo der Tour veröffentlicht. Andere Athleten berichten zum Teil zumindest bereits live aus den Bergen. Kenton Cool aus England zum Beispiel hat den ersten live Bericht mittels eines Samsung Handys vom Gipfel des Mt. Everest übermittelt.

Soweit zur Seite der Berichterstattung der Profi Athleten. Diese ist also in letzter Zeit zunehmend eher leichter geworden. Eindeutig ist hier der Trend hin zu bewegten Bildern und life Berichten im Internet.
Wie schaut es nun auf der Seite des "Produkts", also mit der Leistung der Athleten aus?
Da wird die Luft naturgemäß immer dünner. Die Profi Kletterer haben das Problem, dass sich der "gwöhnliche Kletterer" bzw. der potentielle Konsument eines Berichtes oft absolut nicht mehr vorstellen kann, was nun wirklich der Unterschied zwischen einer Kletterroute von 7c, 8a oder 9a sein soll. Ich denke, dass es unmöglich ist, das in einem Bericht "rüber" zu bekommen. Wenn ich mir Bilder eines Kletterers in einer entsprechenden Route anschaue, so sehe ich immer nur einen Menschen, der in akrobatischen Verrenkungen und schönem "geilem" Outfit an irgendeinem Überhang hängt.
Sturm im Himalaja

Beim Bergsteigen haben die Athleten dann andere Probleme. So sind die Ziele natürlich nicht immer erreichbar. Will er aber im kommenden Jahr Besucher in seinen Vorträgen haben, bzw. Sponsorgelder lukrieren, so entsteht da ein enormer Existenzdruck. Interessant zum Beispiel die Ziele eines Uelli Steck in 2015. Im Sommer das gut gelungene Projekt auf allen 4000 ern der Alpen zu steigen. Im Herbst ist ihm dann das Projekt Nuptse gescheitert, worauf der kurzerhand eine Speed Rekord in der Eiger Nordwand hingelegt hat. Sein Manager reibt sich sicherlich die Hände, Plan B hat offenbar funktioniert.
Anders hingegen die Huber Buam. Ihr Bericht (Kurzfilm) auf bergsteigen.com über die Latok Expedition im Karakorum hatte eher peinliche Kommentare, denn Begeisterungsstürme produziert. Offenbar fehlte es an einer systematischen Jahresplanung oder einem Plan B. Ich hab jedenfalls nichts entsprechendes in den alpinen Medien wahrnehmen können.

Um nachhaltig von der Vermarktung seiner spektakulären Ziele leben zu können, muss ein Athlet also in regelmäßigen Abständen ensprechende Ziele auch verwirklichen u n d dokumentieren können. Das hat zur Folge, dass er sich selber auch regelmäßig "übertrumpfen" muss, also in einer Spirale immer riskantere Unternehmen gefangen wird. Und damit steigt natürlich auch die "Gefahr des Scheiterns".

Darüber hinaus gibt es natürlich auch gewisse Grenzen. Wie oben schon angedeutet, kann das Publikum nur begrenzt mit immer neuen und höheren "Schwierigkeitsgraden" beeindruckt werden. Dazu kommt noch, dass neben der Gefahr natürlich auch - wie in jedem anderen Sport - auch Bergsteiger mit zunehmendem Alter mit den "neuen jungen Wilden" nicht mehr "mithalten" können, oder eben nicht mehr mithalten wollen, da sie entsprechend weniger "Risikotolerant" sind.

Ein altersbedingter "Ausstieg" aus der Spirale ist dann zwingend notwendig. Nur wie könnte der dann aussehen?



 

Mittwoch, 25. November 2015

Alpin Journal: Wegemarkierung - zuviel des Guten?

Alpin Journal: Wegemarkierung - zuviel des Guten?: Wegemarkierung - zuviel des Guten? Wohl kaum ein Thema wird so breit unter Wanderern diskutiert, wie die Markierung unserer Wanderwege. ...

Wegemarkierung - zuviel des Guten?

Wegemarkierung - zuviel des Guten?

Wohl kaum ein Thema wird so breit unter Wanderern diskutiert, wie die Markierung unserer Wanderwege.


....und trotzdem verirren sich da noch manche "Bergsteiger"......
Vor einiger Zeit war ich mit einer Gruppe Gästen am Dachstein unterwegs. Wir näherten uns dem Gipfel über mehrer Tage und interessantes Gelände von Norden her an. Ober der Waldgrenze konnte ich dann mit obiger Aufnahme einen markierten Wanderweg dokumentieren.

Es ist natürlich schon klar, dass der Alpenverein mustergültig in der Wegeerhaltung tätig ist. Der Einsatz vieler ehrenamtlicher Wegewarte kann nicht hoch genug geschätzt werden. Aber etwas Kritik sollte da trotzdem möglich sein.

Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum man ober der Waldgrenze Farbkleckse nahezu im Meterabstand platziert. Früher wurden die alten Wege und Steige mit sogenannten "Steindauben" markiert. Dabei wird ein länglicher Stein in handlichem Format an markanten Stellen platziert, wobei der Stein in Gehrichtung ausgerichtet ist. Eine solche Markierung ist überall dort wo es Steine gibt verhältnismäßig einfach zu errichten.  Außerdem hat sie noch zusätzich den Vorteil, dass sie sicherlich umweltverträglicher ist, als hektoliterweise Ölfarbe im Gelände.

Gerade jetzt im Spätherbst sind Schlechtwettereinbrüche praktisch immer im Hochgebirge mit Neuschnee verbunden. Dann kann man ober der Waldgrenze von Farbmarkierungen kaum mehr etwas erkennen. Steindauben hingegen sind relativ unempfindlich was geringe Neuschneemengen angeht. Diese sind zumindest an den markanten Stellen selbst bei einigen cm Schnee leicht zu erkennen.
wären da  nicht die guten alten "Steindauben" eine wesentlich sinnvollere Lösung?


Mit anderen Worten plädiere ich für eine wesentlich verstärkte (Wieder) Einführung der Steindauben und einem Reduzieren der Farbkleckse im Gelände.

Ein weiterer Vorteil von Steindauben im Gelände ist meiner Meinung nach ein gewisser Lerneffekt auf Wanderer. Farbmarkierungen in grellen Farben lenken die Aufmerksamkeit etwas vom Wesentlichen ab. Ich meine damit, dass viele Wanderer es verlernt haben, oder gar nie beherrschten, im Gelände zu "lesen". Wo ist die günstigste Passage zum Durchkommen? Steindauben lenken den Blick eher ins Gelände und sind somit auch hilfreich um ein "Gefühl fürs Gelände" zu bekommen.

Es wäre sicherlich interessant, die Meinung eines breiteren Publikums zu dieser Frage zu erörtern.

Sonntag, 22. November 2015

Talung, 7 349 m - ein Abenteuer der Superlative

Talung, 7 349 m - ein Abenteuer der Superlative

während Uelli Steck wiedereinmal einen neuen Reckord in der Eiger Nordwand lief, fanden zwei unbekannte Bergsteiger aus der Ukraine ein grandioses Abenteuer an einem 7000 er.

Mikhail Fomin, Nikita Balabanov (Ukraine) von 18. bis 23. Oktober 2015
Erstbegehung von Daddy Magnum Force
Kletterlänge 2350 m, M6, AI6, A3 über die ganze Route ED2


Die Route mit den Camps
  

Ich bin etwas sprachlos. Tatsächlich sind dieser Tage die alpinen Medien voll von einem relativ fantasielosem neuen Speed Rekord am Eiger. Uelli Steck hat in sich zurück geholt. Bei perfekten Verhältnissen ist er halt um einige Minuten schneller als jemand anderer durch seine "Heimatwand" gerannt. Zweifellos eine großartige Athletische Leistung. 

Nikita Balabanov und Mikhail Fomin, aus der Ukraine

Gleichzeitig machen zwei Bergsteiger aus der Ukraine eine Erstbegehung auf einen unbekannten 7000 er in Nepal und lösen damit eines der letzten großen  Probleme im Himalajabergsteigen. Warum nur berichten unsere "Bergleitmedien" mehr von einem etablierten Wettlaufen auf einer mehrfach abgedroschenen Route?

Ich habe mir die Mühe gemacht, und Nikita Balabanov aus der Ukraine kontaktiert, um Informationen aus erster Hand zu bekommen: 

Ursprünglich wollten die beiden Ukrainer ein Ziel im indischen Himalaja ansteuern. Aufgrund der Bürokratie entschlossen sie sich kurzerhand in das vom Erdbeben kaum betroffene Ostnepal aus zu weichen. In der Gegend des Kantsch Massives, im Schatten des dritthöchsten Berges der Welt, dem Kangchenjunga (8586m) und des mächtigen, bekannten Jannu fanden sie ein lohnendes Ziel - den Talung, 7349m.

Den wunderschönen und objektiv sicheren NNW Pfeiler hatten schon viele starke Bergsteiger in den vergangenen Jahren versucht. Die ersten Versuche gehen bis ins Jahr 2004 zurück. Die beiden Tschechen Marek Holecek und Zdenek Hruby versuchten es dann nach einem gescheiterten Versuch durch Engländer im Herbst 2012 nocheinmal. 2014 waren noch starke Italiener in Nepal, um diese logische Linie zu versuchen. 

Für mich ist es sehr interessant, welche Taktik die beiden Ukrainer angewendet haben. Nach einem ungemütlichen Trekking mit der bekannten Blutegelplage in niedrigen Teilen Nepals, erreichten sie ihr Basislager. Die folgenden 2 Wochen verbrachten sie mit sorgfältigen Akklimatisationstouren und Erkundungen. 
So bestiegen sie den Boko Peak, 6 143m und biwakierten am Gipfel. Weiters erkundeten sie noch den geplanten Abstieg des Talung über die Westseite. Sie kletterten bis auf 7 100 m und biwakierten auch dort.

Nach 3 Rasttagen während einer Schlechtwetterperiode fühlten sie sich bereit für ihre Tour. Verpflegung für 7 Tage und Gasvorräte für sogar 9 Tage wurden mitgenommen. 

Durch die sorgfältige Erkundung war den beiden bekannt, dass die Route im unteren Teil sicher extrem schwierig werden würde. Gleichzeitig gab es aber auch eine große Unbekannte mit der zweiten Felszone relativ weit oben. Irgendwie konnte man die Schwierigkeiten mit Mixedlinien in Chamonix vergleichen - aber mit dem Unterschied, Gepäck für eine Woche im Rucksack und das ganze auf einer Höhe zwischen 5600m und 7349 m!! - die Zutaten für richtiges, großes Abenteuer eben!!
der Eiskamin in der ersten SL


Kletterer in der 1. SL

Die erste SL startet mit einem kleinen Eispfeiler über den Bergschrund, nach einem Spreitzschritt geht es an der Hauptwand mit M6 weiter. Nach ca. 10 Metern A3 Gelände mit zu dünnen Rissen für die Hauen der Eisgeräte (iron hawks und Normalhaken) geht es mit kaum Sicherungsmöglickeiten über Eisglasur an glatten Felsplatten zu einem Schlingenstand im Kamin.

Den beiden Ukrainern war klar, dass es in den nächsten Tagen hart werden würde, da die Route von der Erkundung her nirgends leicht aussah. Die nächsten drei Tage verbrachte die beiden mit klettern im Bereich von M 5 bis M 6, wobei aufgrund des geschlossenen Felses die Sicherungsmöglichkeiten sehr spärlich waren, also lange runouts mit schwerem Gepäck in großer Höhe!

Das Gelände war jedoch so beschaffen, dass es möglich war mit einer rund 2 stündigen Arbeit jeden Tag einen kleinen Absatz aus dem Eis für ein kleines BD Firstlight Zelt zu hauen.

im mittleren Wandteil
Am dritten Tag erreichten die beiden eine rund 100 m lange Verschneidung, kaum Eis dafür aber brüchig und schwierig zum Absichern. Erneut waren einige Meter in künstlicher Kletterei A3 notwendig. Danach erreichten sie den etwas leichteren Mittelteil des Pfeilers. Zumeist war nun Eis und Schneekletterei gefragt, einige Seillängen M 4.  Manchmal konnten sie hier sogar simultan klettern.





Am fünften Tag erreichten die Ukrainer das zweite Felsband. Nach einigen mixed SL und dünnem Eis auf Felsplatten kamen sie zur Rampe die in Richtung Gipfel führte. Hier konnten sie wiederum eine Plattform fürs Zelt bauen.


Gipfel des Talzung 7349m

Um 2 Uhr Nachmittags am 23. Oktober erreichten Balabanov und Fobin schließlich den Gipfel mit einer fantastischen Aussicht auf Kantsch und Jannu-.



Nach einigen Foto und Filmaufnahmen und dem obligatorischen Schokoriegel machten sie sich an den Abstieg über die Westflanke des Berges. Nach einem weiteren Biwak auf 6700m erreichten sie dann den Gletscher und bald danach ihr Basislager.

In Summe haben die beiden so zwischen 10 und 15 kg an Gewicht verloren und wiederum einiges an Erfahrung dazu gelernt, am Ende hat sich all die Mühe aber trotzdem gelohnt. 

Diese Besteigung ist für mich sicherlich eine der hausragendsten Leistungen im Bergsport in diesem Jahr, wenn nicht überhaupt. Eine derart schwierige Route, zu zweit an einem entlegenen Himalja 7000 er, das ist, wie am Anfang erwähnt, sicher eine größere Leistung als der x te speed Rekord am Eiger.


Montag, 12. Oktober 2015

Donnerstag, 8. Oktober 2015

Alpin Journal: Fehler: "Schuld" und Lernen aus Erfahrungen

Alpin Journal: Fehler: "Schuld" und Lernen aus Erfahrungen: Fehler: "Schuld" und Lernen aus Erfahrungen Die Vorkommnisse de s letzten Lawinenwinters haben wohl viele Kollegen, die in ver...

Fehler: "Schuld" und Lernen aus Erfahrungen

Fehler: "Schuld" und Lernen aus Erfahrungen


Die Vorkommnisse des letzten Lawinenwinters haben wohl viele Kollegen, die in verantwortlichen Positionen für alpines Lernen sitzen - sei es jetzt bei den großen alpinen Vereinen, Bergrettung oder privaten Alpinschulen - zum Nachdenken angeregt. Viel - allzuviel - ist passiert, aber wie können wir nun daraus lernen?

Hubschrauber im winterlichen Hochgebirge - heute im alpinen Raum standard.


Die Wintersaison ist vorbei und ich hatte ein wenig Zeit, mir Literatur zum Thema zu besorgen und auch durch zu ackern. Dabei bin ich auf sehr interessante Zusammenhänge gestoßen.

Eigentlich müßte man annehmen, dass viele Unfälle in den Bergen unerfahrenen Menschen oder jugendlichen  Draufgängern passieren. Offenbar ist dem aber nicht so. Ich habe von praktisch keinem Unfall der Anfängern passierte gehört. Die mit Abstand meisten "Lawinen Unfälle" passieren "erfahrenen" Leuten, viele sind bei der Bergrettung aktiv, und einige waren sogar als "alte Haudegen" bekannte Bergführer. Warum passieren nun gerade solchen Leuten immer wieder Unfälle am Berg? Selbstverständlich sind solche Menschen auch viel mehr in den Bergen unterwegs, also ist die Wahrscheinlichkeit einmal in einem Unfall verwickelt zu sein auch höher.  Aber gleichzeitig mit dem Mehr am Draussen sein, sollte auch die Erfahrung ja steigen. Diese Frage führt uns zwangsläufig zu der mittlerweile schon häufig diskutierten Frage ob es ein Lernen aus Erfahrung gibt bzw. unter welchen Voraussetzungen.

Lernen möchte ich hier in Zusammenhang mit Verhalten oder verändertem Verhalten bezogen auf eine Ursache sehen. In der Psychologie bezeichnet man eine "Ursachenzuschreibung des Verhaltens" als Attribution.

Nicht immer funktioniert Lernen bzw. Attribution also linear, geradeheraus und ohne Probleme. Es kommt bei diesem psychologischen Verhaltensmustern immer wieder zu "Rückschlägen" bzw. apprupten Unterbrechungen und Rückkoppelungen.

Es gibt fundamentaler Attributionsfehler (nach Lee Ross 1977):

bei Beurteilung von eigenem Verhalten (Fehlern) haben Menschen die Tendenz, die Ursachen situative Faktoren zuzuschreiben. Das heisst, wenn ich selber einen Blödsinn mache, dann waren halt die Umstände (Situation) "schuld".

bei der Beurteilung Anderer werden bevorzugt Personen Attributionen vorgenommen. Wenn jemand anderer einen Blödsinn macht, so hat die Person dann den "Fehler" gemacht.

Dieses Phänomen ist stärker, je unterschiedlicher das Verhalten des Anderen vom eigenen Verhalten zu sein scheint.

Umgelegt auf Bergsteigen würde das heissen, dass, wenn ich durch eigene Fehlentscheidungen in einen Unfall verwickelt werde, man einfach die Umstände, also objektive Situationen, dafür verantwortlich macht.  Man neigt eher zu der Haltung, dass man da nix anders machen hätte können. In diesem Zusammenhang also auch in Punkto Änderung des eigene Verhaltens nichts zu lernen hat!

Analysiert man aber Bergunfälle von anderen Personen, so neigt man eher dazu, die andere Person dafür, also für Fehler,verantwortlich zu machen. Ein "fremde Unfallsituation" begünstigt also eher ein Erkennen eines "Lernbedarfs" bzw. eine Änderung des eigenen Verhaltens aufgrund der erfassten Information.

Dies zeigt uns also, wie wichtig Unfallanalyse und die Veröffentlichung der Ergebnisse ist. Menschen sind eher offen für das Lernen aus Fehlern anderer Personen, da sie dazu neigen, selbst gemachte Fehler auch vor sich selber zu vertuschen!

Eine weitere s psychologisch sehr interessante Tatsache ist die sogenannte Kontrollillusion: nach Langen (1975)
Bei dieser wird zwischen folgenden verschiedenen Situationen unterschieden:

Fähigkeitssituation: hier gibt es einen kausalen Zusammenhang zwischen Verhalten und dem Ergebnis. Damit wird das Ergebins eben kontrollierbar durch das Verhalten oder die Strategie der Person.

Zufallssituation: hier besteht kein Zusammenhang zwischen Verhalten und dem Ergebnis. Das Ergebnis des Verhaltens ist "zufällig", also unkontrolliert.

Enthält nun eine Zufallssituation auch nur den geringsten Hinweis auf eine Fähigkeitssituation, so entsteht daraus eine Illusion der Kontrolle. Die Versuchsperson glaubt aufgrund der Ähnlichkeit der Situation mit entsprechender Fähigkeitssituation alles unter Kontrolle zu haben. Tatsächlich handelt es sich allerdings hier eben um eine Illusion.

Ein bekanntes Beispiel dafür ist, wenn jemand selbst ein Los zieht, so hat er subjektiv das Gefühl eher zu gewinnen,  hingegen wenn eine "Glücksfee" das Los zieht,  weniger.

Was bedeutet diese Illusion nun im Zusammenhang mit der Bereitschaft oder Fähigkeit aus Erfahrung beim Bergsteigen zu lernen?


Wir alle haben es doch im Laufe der Jahre mit unendlich vielen verschiedenen Situationen zu tun bekommen.  Wie oft habe ich etwa geglaubt, dass ich diese oder jene Situation im Griff habe. Nur um im Nachhinein zu erkennen, dass ich nur eben Glück gehabt habe, ich eben in Wirklichkeit nicht die gesamte Situation kontrollieren konnte. Ich denke, dass wir es beim Bergsteigen häufig mit so einer Kontrollillusion zu tun haben.

Es erfordert meiner Meinung nach eine gehörige Portion an Selbstvertrauen aber auch an sprichwörtlicher "Demut", dass man sich die Erkenntnis, dass man am Berg niemals alles unter Kontrolle haben kann, und die Natur eben nicht berechenbar ist, immer wieder bewußt aktiv in Erinnerung ruft.

Selbstwertdienliche Attribution:

Es kommt zu einer sogenannten Attributions Asymmetrie bei Erfolg bzw. Misserfolg. Erfolg wird den eigenen Fähigkeiten zugeschrieben, Misserfolg wird extern attribuiert. Also wenn etwas schief geht, ist immer etwas Anderes schuld. Die Ursache dafür liegt in den menschlichen Charakteristika: motivationale Prozesse, Selbstaufwertung, Selbstschutz und etwa dem Wunsch nach Kontrolle einer Situation. Solche unbewußte Abläufe finden bei jedem Menschen statt, nicht etwa nur bei Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl.


Ein Fazit aus den vielen Fremdwörtern und komplizierten Zusammenhängen ist  nur relativ schwierig heraus zu kristallisieren.

Um aus Fehlern zu lernen, müssen wir sie als solches erkennen und sie uns auch selber erst mal  eingestehen, und auch aktiv bewußt machen. Ein wichtiges Schlüsselwort ist hier sicherlich die Kritikfähigkeit sich selbst gegenüber. Viele suchen - wie oben erwähnt - bei anderen oder den Umständen die "Schuld", anstatt bei sich selbst anzufangen.

Ein für mich sehr interessanter Aspekt ist die obig erwähne Kontrollillusion. Wie oft haben wir die Illusion am Berg, oder in schwierigen Situationen alles unter Kontrolle zu haben, wobei sich letztlich aber dann doch wieder herausstellt, dass man einfach nur "Glück" gehabt hat. Aus solchen Situtaionen zu lernen ist sicherlich am schwersten, wenn nicht sogar nahezu unmöglich.

Schithochtouren sicher eine der Königsdisziplinen im Alpinismus, hier im Argentierkessel, Chamonix


Ein sehr wichtiger Zugang ist auch Nachlässigkeit, Schlamperei, "paßt schon", "geht schon irgenwie"
Gerade in "Routinesituationen" muss man offensichtich noch mehr aufpassen bzw. "pingelig sein" damit man auf der sicheren Seite bleibt. Zusammenfassend ist also zu sagen, dass eine Portion Pedanterie in Punkto Sicherheit niemals ein Fehler ist und man - nicht nur als Bergsteiger - immer offen sein sollte zu lernen, sich ständig zu verbessern und neue Erkenntnisse aus der Sicherheitsforschung auch im Verhalten um  zu setzen.

Vor allem "erfahrene Bergsteiger" sollten bereit sein, selbstkritisch ihr Verhalten am Berg und in der Natur immer wieder zu hinterfragen.