Sonntag, 10. Juni 2018

Neuerlicher Speedrekord an der "Nose" im Yosemite oder wie sinnlos ist Rekordbergsteigen

Es ist vollbracht - ich meine, es ist bewiesen. Es ist möglich, eine der bekanntesten Kletterrouten der Welt, die Nose am El Capitan im kalifornischen Yosemite, in weniger als zwei Stunden zu klettern. Was für eine Leistung! Zwei der derzeit absolut besten Kletterer der Welt fanden sich zu einem Team und arbeiteten seit Monaten auf den Rekord hin.
Tommy Caldwell - bekannt für seine freie Begehung der Dawn Wall am El Cap, der damit schwersten Mehrseillängen-Route der Welt, und Alex Honnold, bekannt für seine spektakulären Solos - unter vielen anderen Routen kletterte er auch die Route Freerider am El Cap free solo!
die "Nose" verläuft entlang der Licht- Schattengrenze

Wir benötigten bei meiner ersten Begehung einer Route am El Cap, vor rund 30 Jahren, noch gute drei Tage für die 1000m steilen Granit, der Erstbegeher Warren Harding noch um die 40 Tage. In den 70er Jahren waren es John Long, Jim Bridwell und Billy Westbay die als erste nur einen Tag für diese legendäre Route benötigten.

Ein weiterer Meilenstein gelang der kleinen, zierlichen Lynn Hill. Die New Yorkerin kletterte als erster Mensch in freier Kletterei, also ohne sich an irgendeinen Sicherungspunkt zu halten, durch die spektakuläre Linie, welche die Südost- von der Südwestwand dieses riesigen Berges trennt.
"klassisches Big Wall klettern"

Am 4. 10 2007 kletterten die beiden Brüder Alexander und Thomas Huber noch in zwei Stunden und 45 Minuten durch die Riesenwand. In nur rund zehn Jahren wurde ihr Rekord also noch um fast ein Drittel unterboten.

Jetzt stellt sich für mich schon die Frage - wie sinnvoll findet man als Beobachter der Szene solche Rekorde beim Bergsteigen?

Einer der den Rekord an der Nose sicherlich am öftesten innehatte, der Kalifornier Hanns Florine, hat sich bei einem spektakulären Sturz während eines Speedversuches vor einigen Wochen beide Beine gebrochen. Zwei weitere, als sehr erfahren geltende "Bigwall Kletterer" (100 + Big Walls) starben bei einem Seilschaftsflug während eines Speedversuches in der Route "Salathe" vor einigen Tagen.

Haulbag schleppen wird beim "Speed Climbing" vermieden.....

Wie funktioniert nun so ein "Speed Bigwall"? Die beiden Kletterer sind nach wie vor durch ein Kletterseil verbunden. In den leichteren Passagen wird einfach gleichzeitig geklettert; das nennt man dann "simultan climbing". Ein möglicher "Abflug" beider Kletterer wird dabei nur durch die (wenigen) Zwischensicherungen (Keile o.ä.) gesichert. Wird das Gelände schwieriger, arbeiten die Akteure mit dem sogenannten "short fixing". Dabei wird das Seil am Standplatz mit einer Klemme (T-Block) fixiert und der Seil-Zweite kann also am fixierten Seil nachjümarn. Der Seil-Erste knüpft sich eine große Schlaufe des Seiles und fixiert das Ende an seinem Gurt. Gesichert ist er dabei nur durch das Gewicht des Seilzweiten an der zweiten "Seilhälfte". Fällt der erste, kommt es zu enorm weiten Stürzen und somit steigt das Risiko, sich zu verletzen.

In Summe ist so ein "Speed Bigwall" also noch gefährlicher, als "free solo" klettern. Denn wenn beim "simultan climbing" einer fällt, reisst er den Anderen notgedrungen mit.

Für mich persönlich kommt so ein Kletterstil niemals in Frage. Selbstverständlich ist es dem jeweiligen Kletterer überlassen, wieviel Risiko er nimmt.

Aber.....

Meiner Meinung nach sollte man aber so in die Berge gehen, dass man gesund wieder nach Hause kommt. Die Gefahren in der freien Natur sind sowieso schon groß genug für das eine oder andere unvorbereitete Abenteuer. Solche spektakuläre Speedaktionen bieten irgendwo die Gefahr, dass sich nicht nur die Akteure selbst gefährden, sondern auch der eine oder ander Jugendliche Kletterer zur Nachahmung verlockt wird.

Auf der anderen Seite lebt das Bergsteigen natürlich auch durch die Suche und Lösung von scheinbar Unmöglichem.

Viele alpine Abenteuer wären ohne entsprechender Geschwindigkeit wiederum viel gefährlicher. Ich denke da etwa an eine Durchsteigung der klassischen Eiger N-Wand. Es ist selbstverständlich ein Unterschied, ob man auf der rund 3,5 km langen Kletterstrecke 3 - 4 Tage oder 1 oder 2 Tage unterwegs ist. Viele Stellen sind da stark dem Steinschlag ausgesetzt und auch das Risiko in einen Wettersturz zu geraten ist bei längeren Begehungszeiten natürlich viel größer. Wie so oft stellt sich  auch bei der Geschwindigkeit in der eine Klettertour absolviert wird die Frage nach der Grenze, wo das Ganze dann auf Kosten der Sicherungstechnik geht.

Ist also jemand der einfach ein unglaubiches Risiko nimmt, ein "besserer Kletterer"?

Sonntag, 27. Mai 2018

Alpin Journal: Zwei Jahre unbedingtes Gefängnis für Sportkletterl...

Alpin Journal: Zwei Jahre unbedingtes Gefängnis für Sportkletterl...: Das extreme Sportklettern entwickelt sich ja schon länger ähnlich wie das Leistungsturnen, zu einer "Kindersportart". Immer meh...

Zwei Jahre unbedingtes Gefängnis für Sportkletterlehrer


Das extreme Sportklettern entwickelt sich ja schon länger ähnlich wie das Leistungsturnen, zu einer "Kindersportart".

Immer mehr Kinder finden ihren Weg in die internationalen Schlagzeilen der bunten Klettermagazine und selbstverständlich auch ins Internet.

Umso größer war vor einigen Jahren die Betroffenheit,  als der 12 jährig Tito Traversa in Südfrankreich bei einem sehr, sehr tragischen Kletterunfall ums Leben kam.

Was war passiert? Anläßlich einer Kletterreise, veranstaltet von einer Kletterhalle, mit einer Gruppe von 9 jugendlichen Italienern, begleitet von drei Erwachsenen, nach Orpierre in Südfrankreich, kletterte der kleine "Star" eine für ihn einfache Route zum Aufwärmen (ca. 6c, sein Niveau lag schon um 8a). Er hängte 12 geliehene Expressschlingen ein, und als er die oberste Schlinge belastete, rissen 7 durch, und der kleine Tito fiel bis auf den Boden. Später stellte sich heraus, dass offenbar sämtliche Expressen falsch zusammen geklippt waren. Ein Karabiner wurde  nur durch die Gummifixierung gefädelt anstatt auch durch die Schlinge. Diese Gummifixierungen sind dann gerissen.....Zusammengestellt wurden die Expressen von einer begleitenden Mutter, die nichts mit dem Klettern am Hut hat.

Wie bei jedem (tragischen) Unfall kam es selbstverständlich zur genauen Untersuchung des Unfallherganges. Aufgrund des Ergebnisses wurde nun ein Sportkletterlehrer zu zwei Jahren unbedingter Haft verurteilt.

Der Vater des Jungen Tito findet, dass ausser dem Kletterlehrer noch mehrere Personen der Herstellerfirma und der  veranstaltenden Kletterhalle angeklagt gehört hätten, und ist mit dem Urteil daher nicht zufrieden.

Für mich ist dieser Vorfall tatsächlich sehr interessant zu beobachten. Aufgrund der Beteiligung eines so jungen Unfallopfers trifft einen dieser Unfall natürlich besonders  emotional.

Zur Beurteilung der Fakten sollte man aber mal die Emotionen beiseite lassen können. Ich finde, dass ein Kletterer, wenn er bereits in einem Niveau von um die 8a klettern kann, auch ein gewisses Maß Eigenverantwortung tragen kann.  Jedenfalls wenn es um kletterspezifische Themen wie etwa Expressen geht.
Auf der anderen Seite hatten die Erwachsenen natürlich die "Aufsichtspflicht". Neben einem Skitourengeher, der eine Lawine auf eine Skipiste auslöste, ist dies der zweite mir bekannte Vorfall, wo in Italien an "Bergsteigern" eine unbedingte Haftstrafe anläßlich eines Unfalles verhängt wurde.
Symbolbild, Standplatz

Über die höhe der Strafe des Kletterlehrers kann man da meiner Meinung nach tatsächlich diskutieren. Ist es für eine Person, auch wenn es sich um ein "Kind" handelt, zumutbar, auf Grundlagen in der Ausübung einer Sportart eigene Verantwortung  zu übernehmen?
die Paragrafen haben das Klettern erreicht, aber wohin führt das?

Ich denke, wenn ein Kind schon über eine derartige Erfahrung beim Klettern verfügt, wie es ein Kletterer, der im 8a Bereich unterwegs ist haben muss, so kann man auch erwarten, dass es gewisse Dinge eigenverantwortlich macht. Die Sicherung richtig einlegen, oder eben die Expressen checken. Der begleitende Kletterlehrer hatte jedenfalls eine Aufsichtspflicht und daher müsste er alles nochmals checken. Aber auch bei jemand, der schon 8 a klettert?

Mittwoch, 16. Mai 2018

Alpin Journal: Sind Tourismus und traditionelles Bergsteigen tats...

Alpin Journal: Sind Tourismus und traditionelles Bergsteigen tats...: Reinhold Messner gab vor kurzem der Himalayan Times in Kathmandu ein beachtenswertes Interview. Sinngemäß betonte er darin einen Unterschi...

Sind Tourismus und traditionelles Bergsteigen tatsächlich verschieden? wie Reinhold Messner in der Himalayan Times meinte

Reinhold Messner gab vor kurzem der Himalayan Times in Kathmandu ein beachtenswertes Interview.

Sinngemäß betonte er darin einen Unterschied zwischen Tourismus und dem traditionellen Bergsteigen. Mit dieser Bemerkung spielte er auf das sogenannte Expeditionsbergsteigen auf den Normalwegen der Achttausender - insbesondere am Mt. Everest - an. Weiters meinte er, dass er im Gegensatz zu früher nichts gegen Tourismus hätte, da dieser doch ein wichtiger Wirtschaftszweig in dem kleinen Himalajastaat sei.

Sonnenaufgang am höchsten Punkt der Erde

Ich finde, dass es sich da doch um eine relativ bemerkenswerte Aussage handelt. Wenn man das Interview genau betrachtet, so unterscheidet Messner also zwischen "traditionellem Bergsteigen" und Tourismus.

Um über diese Fakten sinnvoll diskutieren zu können, müssen wir mal definieren, was "traditionelles Bergsteigen" überhaupt sein soll. So wie ich das auffasse, meint Messner damit jene Art und Weise, wie er selber den Großteil seiner Touren absolviert hat. Eigentlich ein ziemlich elitärer Stil. Wobei es häufig um Erstbegehungen geht, oder sonstwie um das Aufstellen irgendwelcher Rekorde oder "firsts".

Nun, ich finde es eigentlich ziemlich arrogant, den eigenen Stil wie man Bergsteigen betreibt, als das "allgemein Gültige" zu definieren. Nach meiner Meinung hat sich Bergsteigen immer in verschiedene Richtungen entwickelt, wiewohl manche Richtungen später als gewisse Sackgasse erschienen. Obwohl - wenn man das technische Klettern der 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts anschaut, so hat es sich auch im modernen Big Wall Klettern sehr wohl weiterentwickelt. Ich denke da nur an so manchen A5 new wave "Hammer" etwa im Yosemite am El Capitan.

Aber gilt nur das "Aufstellen alpiner Rekorde" als richtiges Bergsteigen? Bin ich erst ein richtiger Bergsteiger, wenn ich schneller als z.B. Ueli Steck durch die Eiger Nordwand rennen kann?

Gilt im Gegensatz dazu dann das Bergsteigen, so wie es eben viele tausende Menschen betreiben, als "Tourismus"? Wie definieren wir Tourismus? Urlauber-Massen in Venedig bzw. in den letzten Jahren im "Venedig des Gebirges" - in Hallstatt? Sind Bergreisen - auch zu elitären Zielen mit kleinen Teams nicht auch eine Form von Tourismus?

Also irgendwie hinkt der Vergleich. Ist jemand der die Streif auf glatt gehobelter Piste im "Schuss" anlässlich eines Skirennens hinunter rast ein Skifahrer bzw. einer der die "nicht gesperrte Piste" mit  hunderten Anderen hinunter kurvt dann kein Skifahrer, sondern ein Tourist? Sorry, Reinhold bei Deiner Argumentation kann ich nicht mit.
Basislager Mt. Everest in Nepal

Selbstverständlich hat der größte Klettersteig der Welt - der, auf den Mt. Everest - mitsamt seinem mittlerweile nahezu unerträglich gewordenen Zirkus nicht (mehr) viel gemeinsam mit dem Bergsteigen auf einen einsamen Gipfel fernab jeglicher Zivilisation. Trotzdem ist beides Berge besteigen, also Bergsteigen.


In einer Sache möchte ich Reinhold Messner allerdings zustimmen: Niemand würde zum Beispiel Teilnehmer an einem olympischen Marathon mit einem Hobbyläufer unter Tausenden anlässlich eines "City-Marathons" in einen Topf werfen. Obwohl beide eine genau definierte Strecke unter zumindest ähnlichen Bedingungen laufen. Beim Bergsteigen wird das "Gerät"  - besser - der "Berg" angepasst, also Pisten zum Gipfel errichtet. Und viele der Bergsteiger gebärden sich dann so, als wären sie auf diesen Pisten tatsächlich wie ein "Rekord-Bergsteiger" unterwegs auf einer alpinen "Heldentat".

Alle, ob jetzt Rekord-Bergsteiger oder touristischer Bergsteiger, haben natürlich ihre Daseinsberechtigung. Beide Richtungen des Bergsteigens bieten ihren Portagonisten wunderbare Spielplätze. Man sollte sich in der Ausübung allerdings immer des Unterschiedes bewusst sein.

Ich denke aber, dass es Reinhold Messner mit seinem Interview um ganz etwas anderes als um schnöde Begriffs-Definitionen ging - und auch geht.

Gerade in diesen Tagen sind wieder hunderte Bergsteiger mit ihren Sherpas am Mt. Everest unterwegs zum Gipfel. Für mich ist nicht die Anzahl der Bergsteiger bedenklich. Da haben wir in den Alpen am Mt. Blanc oder am Matterhorn bzw. am Großglockner ganz andere Probleme zu bewältigen.

Vor einigen Jahren konnte ich selber als Bergführer den Mt. Everest drei Mal besteigen. Schon damals war der "Zirkus" um die sogenannten "Expeditionen" grenzwertig, ja für mich gerade noch akzeptabel.

Wenn ich mir hingegen den Trend der modernen jüngsten Entwicklungen um die "Newcomer" am "Everest-Markt" anschaue, so finde ich dies schon bedenklich. Der eine Touristiker bietet komfortable Zwei-Zimmer-Zelte pro Person im Basislager an, der andere hat Sauna und Wohnzimmer inklusive. Ich für meinen Teil finde jedoch, dass Bergsteigen sehr wohl mit einem gewissen Komfortverzicht und Abenteuergeist, dem sprichwörtlichen "Draussen sein" zu tun haben sollte.

Bereits in den Ostalpen ist der Trend Berghütten zu komfortablen "Alpin-Hotels" mit Komfortzimmer und  Sauna umzubauen zu beobachten. Im Gegensatz dazu sind die meisten Hütten in den Westalpen noch "richtige, einfache Berghütten"geblieben.

Wie bei vielem Anderen ist also das große Problem wo man die Grenze zieht. Ist es noch vertretbar den Mt. Everest mit Sauerstoff  zu besteigen, aber nicht mehr, wenn ich ab dem Basislager mit 8 Liter O2 pro Minute unterwegs bin? Das reduziert den höchsten Berg der Welt dann tatsächlich in die Gegend eines einfachen 6000ers. Oder sollte man die O2-Benützung nur in der Todeszone mit max. 3 oder 4 Litern pro Minute begrenzen? Sollte man überhaupt Regeln für das Bergsteigen aufstellen? Oder sollte jeder so auf Berge steigen wie er eben möchte?

Ab welcher Höhe und mit wieviel Liter O2 ist eine Besteigung des Mt. Everst noch sinnvoll?

Wohin führt diese Entwicklung wenn man weiter in die Zukunft denkt? Wenn ich mir den Mt. Everest heute anschaue, bin ich tatsächlich etwas traurig, dass ich selbst Teil dieser Entwicklung gewesen bin.





Montag, 13. November 2017

Alpin Journal: "Stop or Go" - eine Entscheidungsstrategie von ges...

Alpin Journal: "Stop or Go" - eine Entscheidungsstrategie von ges...: Auf der Suche nach dem Königsweg der "Lawinenentscheidung" - Gedanken zur Podiumsdiskussion bei der Alpinmesse in Innsbruck Mi...

"Stop or Go" - eine Entscheidungsstrategie von gestern?



Auf der Suche nach dem Königsweg der "Lawinenentscheidung" - Gedanken zur Podiumsdiskussion bei der Alpinmesse in Innsbruck

Mit Stefan Beulke, Jurist und Berg- und Skiführer aus Deutschland, sowie Jürg Schweizer vom SLF in Davos war diese Diskussion hervorragend besetzt. Dazu kamen noch die bekannten Vertreter von den Naturfreunden Martin Edlinger und dem ÖAV Michael Larcher, sowie von den Skilehrern Markus Kogler und als Profi Bergführer Michi Andres -  klar war meine Erwartung in die Veranstaltung hoch gesteckt, zumal sie von einem ausgezeichneten Profi, Peter Plattner, moderiert wurde.

Windspiele im Gosaukamm - einem Paradies für Freerider

Stefan Beulke wies in seinem Eröffnungsstatement darauf hin, dass er im Zuge einer Recherche sage und schreibe 26 verschiedene Methoden bzw. Strategien zur Entscheidungshilfe in Punkto Lawine gefunden habe.

Peter Plattner setzte darauf als Ziel der Veranstaltung fest, die Frage zu beantworten, ob es unter den Experten eine gemeinsame Basis zur Entscheidungshilfe gäbe, oder eben nicht. Zitat: "Der Diskurs, ob der probabilistische, analytische oder intuitive Ansatz zu den besten Entscheidungen führt, wird je nach Land, Ausbildungsorganisation und vorherrschender Lehrmeinung sehr kontrovers geführt."


Der aufmerksame Leser merkt hier sofort, die Alpinwissenschafter bzw. Experten in Innsbruck wissen sich für jederman "leicht verständlich" auszudrücken.

Hier eine Übersetzung für Bergsteiger, die nicht der Gilde der "Alpinwissenschafter" angehören:
probabilistisch - wahrscheinlich;  analytisch - zerlegend, rational; intuitiv - Entscheiden ohne bewusster Schlussfolgerung, aus dem Unterbewusstsein.

Klarerweise drehte sich die Diskussion im Wesentlichen dann darum, dass jeder Vertreter seine Methode beschrieb und auch verteidigte. Für mich war auch sehr interessant, wie der eine oder andere Diskutant mit etwaiger Kritik umgehen konnte oder eben nicht!

Für mich neu war allerdings die Tatsache, dass Jürg Schweizer - d e r  Lawinenprognoseexperte schlechthin vom SLF Davos, öffentlich bestätigte, dass eine Beurteilung eines einzelnen Hanges mit dem Lawinenlagebericht n i c h t möglich sei.


Wenn man dann noch in Betracht zieht, dass 25% aller Lawinenlageberichte falsch sind, so ist es kein großer Schritt zur Tatsache, dass Methoden, die als "Input" den Lawinenlagebericht bzw. die Gefahrenstufe haben, als "Output" keine besseren Ergebnisse liefern können.

Wie sinnvoll ist es dann, eine Strategie anzuwenden, die als wesentlichen Input die Warnstufe aus dem Lawinenlagebericht hat?

Wir haben also auf der einen Seite die breite Masse der mehr oder weniger durchschnittlichen Anwender bzw. Tourengeher die nach einer einfachen ja/nein Strategie lechzen, und auf der anderen Seite einige wenige "Experten", die sich uneinig über die eine oder ander Methode zur Entscheidungsfindung sind. Dahinter stehen dann noch die Leute die die Lawinenberichte und Warnstufen erstellen, und die davor warnen, den Lawinenlagebericht als absolute Grundlage für Entscheidungen zu nehmen.
Tourenplanung im Wohnzimmer, am besten mit Fernglas

Es entstand in der Vergangenheit zunehmend das Problem, dass sämtlich Methoden dem durchschnittlichen Anwender suggerieren, dass man die Lawinengefahr genau berechnen oder einstufen könne. Mit der Grundlage der jeweiligen Warnstufe und exakten dazu passenden Verhaltensregeln wird dieses Gefühl sogar noch verstärkt. Es scheint mir, dass diese Entwicklung ausbildungstechnisch in einer Sackgasse gemündet hat! (Holzweg)

Bei gleichzeitiger Warnung von Experten, dass es "nix genaues gibt", führt das zunehmend zu einer Verunsicherung aller Anwender. Die Erfinder der einen oder anderen Entscheidungsstrategie verteidigen ihre eigene oder verteufeln andere Stratgien und agieren zunehmend an ihrer Zielgruppe, dem durchschnittlichen Bergsteiger vorbei. Stichwort: Fremdwörter Orgie!


Zwischen Lawinenlagebericht und Anwender werden also Vehikel der Entscheidungsstrategie zwischengeschaltet (Snow Card, Stop or go usw.), die eine falsche Entscheidungs - Sicherheit suggerieren. Spricht man mit den Leuten von den Lawienenwarndiensten, so bekommt man rasch die Bestätigung, dass eine Lawinen Prognose (Lawinenlagebericht) wesentlich schwieriger zu erstellen ist, daher auch viel ungenauer,  als etwa ein Wetterbericht.

Niemand würde auf die Idee kommen, auf Grundlage des Wetterberichts eine Strategie zu entwickeln, die dann mehr oder weniger bindend die Entscheidung suggeriert ob man nun "stoppt oder doch weitergeht". Jedem ist sofort klar, dass der Wetterbericht nur eine grobe Planungshilfe ist, und kleinräumig selbstverständlich stimmen kann - oder eben auch nicht. Dass man eben selbst seine Nase in den Wind halten muss, um zu sehen, was draussen in der Natur los ist.

Was heisst das jetzt zusammengefasst? Ich hatte den Eindruck, dass die Lawinenexperten, die den Lawinenlagebericht erstellen, nicht wirklich mit der Entwicklung glücklich sind, dass ihr Lawinenlagebericht bzw. die prognostizierte Stufe, immer mehr als "Maß der Dinge" gilt.

Mit der öffentlich festgestellten These, dass eine Prognose für den Einzelhang nicht möglich ist, dazu die Tatsache, dass jeder 4. Lagebericht sowieso falsch ist, sind für mich sämtliche Entscheidungs - Strategien, die mit der Grundlage Lawinenlagebericht arbeiten, hinfällig geworden.

Um über Fachintuition zuverlässige Entscheidungen fällen zu können, muss man sich rund 10 Jahre hauptberuflich mit einer Materie befassen. Da wir nur im Winter Skitouren gehen können, heisst das mindestens 20 Jahre unterwegs sein, und das hauptberuflich. Erst dann hat man den nötigen "input" im Gehirn um die Muster der "Faustregeln", mittels derer solche Entscheidungen funktionieren, auch abrufen zu können.  Damit scheidet diese Methode für durchschnittliche Anwender von vornherein aus.

Einschränkend vielleicht, dass die eine oder andere Methode als Planungsgrundlage sicherlich ihren Nutzen beweist. Der Lawinenlagebericht hat natürlich nach wie vor  für mich einen sehr wichtigen Stellenwert, aber in etwa selbigen, wie der Wetterbericht für Bergtouren im Sommer.

Unsere Erde ist rund und sie dreht sich weiter. Was gestern der neueste Schrei war, kann sich vielleicht etablieren, aber ebenso von der wissenschaftlichen Entwicklung überholt werden. Man denke nur etwa an die Entwicklung von Handys. Wie schnell die ersten Modelle überholt waren und zum Beispiel Nokia praktisch vom Markt verschwand.

Ich glaube, dass in Zukunft Strategien entwickelt werden, die unabhängig vom jeweiligen Lawinenlagebericht vom Anwender als Einschätzhilfe angewandt werden können. Sie sollten aber jedem klar machen, dass es sich eben um ein Schätzverfahren mit Restrisiko handelt und nicht um eine klare Warnstufe oder gar um eine "Risikoampel". Wer halbwegs sicher im winterlichen Gebirge unterwegs sein will, kommt um eine umfassende Ausbildung und Beschäftigung mit der komplizierten Materie der Schnee- und Lawinenkunde also so oder so nicht herum.

Das große Abenteuer "Winter in der Natur" wird auch in Zukunft nur mit einer gewissen Risikotoleranz möglich sein - und ich finde das ist gut so!