Mittwoch, 4. Oktober 2023

Sittenverfall auf 8000 m? Gedanken zur Diskussion auf Servus TV über die Vorgänge am K2 der Saison 2023

 Am K2 im Karakorum in Pakistan kam es in der vergangenen Saison zu einem Unfall eines Hochträgers im berüchtigten Flaschenhals auf ca. 8200 m. Danach stiegen  - trotz offensichtlichem Notfall - zig Bergsteiger über den sterbenden Pakistani einfach weiter zum Gipfel. 

Wie konnte das geschehen? Handelt es sich tatsächlich um einen Sittenverfall auf 8000 m? Sind Bergsteiger also doch keine edelmütigen Kämpfer in einer gnadenlosen Natur? Gibt es den Tatbestand "unterlassene Hilfeleistung über 8000m?

Auf ca. 8500 m ober dem Balkon am Mt. Everest, hinten Makalu


Viele Fragen ergeben sich da bereits nach kurzem Nachdenken über den Vorfall. Die Diskussion auf Servus TV gab einen interessanten Überblick über die Geschehnisse. Wobei Georg Bachler (Paul Preuss Gesellschaft) erzählte, wie es früher auf hohen Bergen zuging, und das sich unsere Welt seither weiter entwickelt hat. In der Bergsteiger- besser Bergführerszene - weltweit bekannt ist Lukas Furtenbach mit seinem Unternehmen, dass Bergführen auf 8000 m in ungeahnte Höhen trieb. Er gilt dabei als einer der Hauptakteure des "8000 Tourismus". Dabei spielen luxuriös ausgestattete BC und perfekte Logistik am Berg eine große Rolle. Kurz berichtete Ernst Stauber, dass sich die filmische Berichterstattung über Expeditionen enorm weiterentwickelt hätte, und er mit der Sendung Bergwelten alle Bergsteiger ansprechen wolle. 

Was denke ich nun, mit  jahrzentelanger Erfahrung in der Bergführerei auf 8000ern, und auch einer Rettungsaktion aus über 8400 m am Mt. Everest, über den Vorfall?

Für mich ist eine der wesentlichen Grundlagen der Diskussion, dass eine Trennung zwischen touristischem Bergsteigen und professionellem Alpinismus stattfinden muss. Es gibt das ja schon als völlig selbstverständlich in den Alpen.  

Sauerstoff - ein Hilfsmittel zum Überleben, oder Doping?

Jedenfalls unerlässlich für Bergführer über 8000m


Kein normal denkender Mensch würde von einem "Touristen" am Berg erwarten, dass er eine Rettungsaktion - selbst von einem kleinen Kogel - selbständig in die Wege leitet. Eventuell leistet man "Erste Hilfe" und verständigt sodann die Bergrettung. Diese leitet dann eine professionelle Bergung in die Wege. 

Nun ist vor allem in den Köpfen der "Daheim gebliebenen" noch immer verankert, dass Expeditionsbergsteiger eben keine Touristen, sondern extreme Alpinisten seien. Dieser Tatsache widerspricht die schleichende Entwicklung auf den Normalanstiegen von so manchem "technisch leichten" Achttausender. An diesen Bergen werden jede Saison "mobile Klettersteige" sogenannte Fixseile vom letzten Zelt im Basislager bis zum Gipfel verlegt. Die von Extremkletterern zu Touristen mutierten Bergsteiger können so, dank ausgeklügelter Logistik und perfektem Wetterbericht mit Unterstützung von Bergführern, mit vertretbarem Risiko einem "Schein Alpinismus" frönen. Sehr zum Leidwesen vieler nachdenklicher Bergsteiger machte diese Entwicklung auch vor dem sehr schwierigen und überaus gefährlichen K2 nicht halt. 

Früher meinten viele Bergsteiger, dass Bergsteigen eben auch "Charaktersache" sei, und unter "Bergsteigern" viele Missstände der normativen Gesellschaft nicht auftreten würden. 

Durch die oben genannte Entwicklunge des Berg Toursismus zum Massensport wird diese These aber widerlegt. Längst sind Vorfälle wie Diebstähle in Hochlagern, benützen fremder Zelte und Ausrüstung und Lügen und Halbwahrheiten in der Berichterstattung auch auf den höchsten Bergen der Welt angekommen. Trotzdem bin ich der felsenfesten Überzeugung, dass auch an den höchsten Bergen die meisten Menschen frei nach Goethe "edel, hilfreich und gut" sind. Viele haben als Touristen einfach nicht das nötige "Know How" bzw. überlegene Können, um souverän adäquate Hilfe anbieten zu können. 


Ich denke also, dass es höchst an der Zeit ist, dass auch im Himalaja und im Karakorum eine professionelle Bergrettung etabliert wird. Es gibt dazu, vor allem in Nepal, schon ausgezeichnete Ansätze etwa durch ein Hilfsprojekt der Air Zermatt mit Hubschrauber Bergungen bis in mittlere 7000 m Höhe. Es wird bei dem anhaltenden Zustrom an Bergtouristen in den höchsten Gebirgen der Welt einfach eine Notwendigkeit sein, auch hier professionelle Strukturen auf zu bauen. Zumal bei den exorbitant hohen Permittgebühren durchaus das finanzielle Potential dafür vorhanden sein müsste. 

Dass in den ärmsten Ländern der Welt, und dazu gehören nun einmal die Staaten mit den höchsten Bergen der Welt, der Tourismus zunimmt und den Einheimischen zunehmend Arbeit und damit auch besser Lebensumstände ermöglicht, ist ja per se eine sehr positive Entwicklung. 



Dienstag, 3. September 2019

Sorry Reinhold, Sorry Steve, ihr seid doch nicht die Ersten gewesen.....alpinhistorische Sensation aus Alaska!


Chasing Denali - die abenteuerliche Ersteigungsgeschichte des "kältesten Berges der Welt!"

Mit diesem Buch beweist der nicht nur unter Mount McKinley Kennern hochangsehene Jon Waterman (Winterbegehung der Cassin Route am Denali u.v.m., neben vielen anderen Büchern bekannt durch: Surviving Denali, bzw. Führerwerk über sämtliche Routen am Denali/Mt McKinley...) eine alpinhistorische Sensation:

Lange vor der Zeit der ersten "steifen Eiskletter - Steigeisen" im Alpenraum, noch viel  länger vor der ersten Expedition im Alpinstil (Reinhold Messner) und noch mals ebenfalls viel länger vor den ersten "Single Push Expeditionen" (Steve House) gabe es das Alles schon:

Die erste Besteigung des Denali Nord-Gipfels durch 3 bzw. 4 lokale Goldsucher aus der Region um Fairbanks 1910.
Der Denali oder früher Mt. McKinley 6190m, Rechts S Gipfel, Links N Gipfel von SW 

Doch der Reihe nach. Einer der ersten, die eine Besteigung des riesigen 6 190 m  hohen Berges in der Nähe des Polarkreises in Alaska versuchten, war der Arzt Fredrick Cook. Er war Arzt und nach seinem Studium besonders abenteuerlustig. Daher schloss er sich mehreren Polarexpeditionen als Expeditionsarzt an. Besondere Verdienste konnte er sich bei einer Überwinterung einer belgischen Expedition in  Polaren Gewässern erarbeiten, als er gemeinsam mit Roald Amundsen die Mannschaft vor Skorbut und einzelene auch vorm "Durchdrehen" bewahren konnte.
Später war er auch mit Peary im hohen Norden unterwegs, um den Nordpol als erste zu erreichen. Später etwickelte sich ein heftiger Streit, wer als erster den Pol erreicht hätte. Heute gilt als gesichert, dass keiner der beiden je den Pol erreicht hat. Nach einigen gerichtlichen Auseinandersetzungen beschloss Dr. Cook 1903 den Mt. McKinley als erster zu besteigen.
Denali von Norden, Wonderlake

Die undurchdringliche Wildnis des Berges wurde mit Booten auf den Flüssen überwunden. Nach mehreren Wochen gelang es der Mannschaft das gewaltige Gebirgsmassiv des Denali nahezu zu umrunden bevor die Zeit der Expedition zu Ende ging.Drei Jahre später, 1906 versuchte Dr. Cook erneut den Mt. McKinley als erster zu besteigen. Diesmal war das Ziel sich dem Berg vom damals völlig unbekanntem Süden zu nähern. Bei dieser Expedition wurden zum ersten Mal die riesigen Granitwände des Ruthglaciers erforscht, bevor die Gruppe zum Rückzug gezwungen war.

Zum Ende der Expedition mussten nahezu alle Mitglieder der Gruppe zurückk in die Zivilisation, um ihren beruflichen Verüpflichtungen nach zu kommen. Dr. Cook beschloss aber plötzlich, nur mit einem Begleiter nochmals eine Besteigung des Berges zu versuchen. Innerhalb von nur 12 Tagen will er den Gipfel von Osten erreicht haben und machte dabei ein Gipfelfoto einer riesigen amerikanischen Flagge.

Berechtigte Zweifel machten sich breit und später konnte der als "fake peak" benannte Gipfel eindeutig identifiziert werden. Es handelt sich dabei um einen mehrere Meilen vom Denali entfernten, und nur halb so hohen Gipfel, wie den Denali selbst.

Heftige Debatten entwickelten sich nun darüber, ob Cook tatsächlich am Gipfel gewesen war, oder nicht.

Diese Zweifel konnten nur beseitgt oder bestätigt werden, indem man eben den Gipfel tatsächlich bestieg. Außerdem wollten Alaskaner ihren höchsten Gipfel selbstverständlich selbst Erstbesteigen!

Fairbanks, im zentralen Alaska gelegen, galt zu beginn des 20. Jahrhunderts als das "neue Dawson". Der Goldrausch am Klondike und im Yukon Gebiet um Dawson war zu ende und viele der gestrandeten Abenteurer und Lebenskünstler waren in das angrenzende Alaska gekommen. Sie hofften ihere geplatzten Träume von Reichtum und Ruhm in der Umgebung von Fairbanks und dem nördlich des riesigen Bergmassiv des Denali gelegenen Kantishna erfüllen zu können.

Eine der schillerndsten Figuren in Fairbanks war zu jehner Zeit ein gewisser Thomas Lloyd. In seiner früheren Zeit in Utah war er vom US Marshal zum Beauftragten für den Bergbau aufgestiegen. Um jedoch seinen Traum von Reichtum und Berühmtheit leben zu können, erlag er den Lockungen des Goldrausches. Thomas Lloyd ließ seine Frau  und vier Kinder zurück und erreichte über Dawson später eben auch Fairbanks. Dort heiratete er eine weitere, diesmal halb so alte Frau wie er selbst. Angeblich war er in den verschiedenen Claims mit verschiedenen Partnern zu Reichtum gekommen, berühmt hoffte er durch das Lösen der "Erstbesteiger Frage am Denali" zu werden.

Zu dieser Zeit wirkte der zwar umtriebige Mann bereits körperlich unsportlich und mit seiner Leibesfülle nicht gerade prädestiniert für ein körperlich derart anstrengendes Abenteuer. Erleichtert wurde die Entscheidung zum Handeln allerdings durch eine Wette über 5000 US des Saloon Besitzers Bill McPhee, dass der Denali vor dem 4. Juli 1910 bestiegen würde - von wem auch immer.
Gut vernetzt in Wirtschaft (Medien) und Politik begann Lloyd, für eine Expedition auf den Gipfel des Denali Sponsoren zu suchen.
Zudem heuerte er drei der besten verfügbaren Leute an: neben dem "Schweden" Peter Anderson, Billy Taylor noch Charlie McGonagall. Letzterer war auf der Suche nach Gold viel in den Hügeln der Tundra zwischen den Gletschern und Kantishna unterwegs gewesen. Dabei hatte er den so wichtigen Zugang zum Muldrow Gletscher über den heute nach ihm benannten McGonagall Pass entdeckt. Mit ihm verfügte das Team über unschätzbare Ortskenntnisse um überhaupt erst Zugang zu den großen Gletschern zu erlangen.Die Gruppe ist heute unter dem Begriff "Sourdough" bekannt, da die Goldsucher jener Zeit stets einen Sauerteig-starter bei sich hatten, um Brot bzw. Doughnuts backen zu können.

Seinen Geschäftssinn bewies Thomas Lloyd indem er noch zusätzlich einen Vermessungsexperten sowie im Umgang mit einem Fotoapparat versierten Experten, Charles E Davidson, mit zwei weiteren Gefährten ins Team holte.

Seine mangelnde Teamfähigkeit bescherte ihm aber auch das spätere Drama um einen glaubwürdigen Beweis der Besteigung. Nach einem handfesten Streit, wobei auch die Fäuste zum Einsatz kamen, verabschiedete sich der Foto Experte Davidson und verschwand am nächsten Tag mit seinen zwei Begleiteren, noch ehe sie eine relevante Höhe am Berg erreicht hatten.

Der berühmte Kartograf und Buchautor - den ich übrigens noch persönlich anläßlich eines Vortrages in Talkeetna kennenlernen durfte - Bradford Washburn interviewte persönlich Charlie McGonagall Jahre nach der bahnbrechenden Expedition. Von diesem erfuhr Washburn aus erster Hand, dass die Expedition sehr sorgfälltig geplant wurde.
Schinken, getrocknete Früchte, Mehl, Zucker und Butter gehörten zur Grundaustattung. Fleisch Vorräte wurden noch jagdlich zu Beginn ergänzt. Am Berg bestand die Nahrung aus Doughnuts und heissem Kakao aus Thermosflaschen.
An Bekleidung trugen sie ihre typische Winterkleidung, die sich während ihrer langen Hundeschlittentrips schon seit Jahren bewährt hatte. Bemerkenswert war die Anfertigung
von speziellen galvanisierten 9 Zacker Steigeisen, mit durchgehenden seitlichen Steegen. Mit diesen stabilen Steigeisen war es möglich, nicht allzu steile Firnflanken ohne aufwendig Stufen ins Eis hacken zu müssen, zu überwinden.
selbst gebastelte Steileis Steigeisen, Bild Jon Waterman, Chasing Denali


Die schon seit Jahren im Gebiet des Denali tätigen Goldsucher und Musher wussten natürlich, dass die Zeit im Herbst, September, in der Dr. Cook den Gipfel erreicht haben will, nicht optimal war. Sie wählten als Zeitpunkt den beginnenden Frühling, wenn die Sümpfe gefroren sind, es noch keine Moskitos gab und man mit dem Hundeschlitten bequem die schweren Lasten der Bergausrüstung, Nahrungsmittel und Brennholz ins Basislager transportieren konnte. Ausserdem wussten die erfahrenen Goldsucher, dass das Wetter im Frühling stabiler war und es in der Kälte wesentlich bessere Bedingungen auf den riesigen Gletschern gab. Man kam viel besser mit den Hunden voran und auch die Brücken über die riesigen Spalten hielten besser, wenn sie aus gefrorenem Schnee bestanden als aus nassem.
in ausgeapbertem Zustand sind die riesigen Gletscher nahezu unpassierbar, hier der Ruth Gletscher

Heute wird das Basislager an der Südwest Seite des Berges, bzw. nahezu alle Anstiege unter Mithilfe von kleinen Flugzeugen, die mit ihren Ski bequem am Gletscher landen können, erreicht.

Im Jänner startete das Team mit den Hunden in Fairbanks, liess sich Zeit für die ersten rund 150 Meilen bis zum Fuß des Berges. Am 14. Februar, nach dem sie am Weg viele Freunde und Bekannte besuchten, errichteten sie schließlich ihr letztes Lager an der Waldgrenze.

Die Expedition setzte den Weg über den McGonagall Pass fort und erreichte Mitte März den Muldrow Gletscher. 
eine- wenn nicht d i e höchste Wand der Welt, Wickersham Wall am Denali mit Nord- und Südgipfel

Am 18. März errichteten sie ihr sogenanntes "Tunnel Camp" eine Schneehöhle am Fusse der heutigen Karstens Ridge auf rund 3600 m Höhe. In den nächsten Tagen rüsteten sie ihr Basislager aus und ruhten sich für die Hauptschwierigkeiten ihrer Besteigung aus.

Für die erste Besteigung eines derart hohen Berges nahezu am Polarkreis wählten die "Sourdoughs" eine bemerkenswerte Strategie. Da sie zur Erkenntnis kamen, dass Lasten schleppen in dem steilen Gelände über ihnen kaum Sinn machte, entschlossen sie sich zu einer "Single Push" Strategie. Eigentlich ist es verständlich, dass der fast doppelt so alte und unsportliche Thomas Lloyd im Camp verblieb und nicht an der eigentlichen Besteigung teilnahm.

Wie jahrzehnte später Reinhold Messner und Gefährten im Himalaja mit dem "Alpin Stil", oder Steve House an der Denali Südwand mit "Singl Push Stil", wollten sie klein, rasch und effizient sein.

Filmarbeiten für das Deutsche Fernsehen mit Wolfi Thomaseth am Kahlitnagletscher
Neben einem Säckchen mit 6 Doughnuts hatte jeder  nur eine Thermosflasche mit heissem Kaokao mit. Die über 2 m lange Fahnenstange zog Charles McGonagall mit einer Schnur nach, im extremen Gelände der Karstens Ridge hätte ihn die Stange am Rucksack aus dem Gleichgewicht gebracht. Wer jemals mit Skiern in großer Höhe unterwegs war, hat wahrscheinlich die gleiche effiziente Technik für den Transport der Skier angewandt.

In nur drei Stunden überwanden die Drei am 3. April 1910 die 1200 m lange Karstens Ridge und rasteten am Fuße des Browne Towers. Diese bemerkenswerte Zeit wär unmöglich gewesen hätten sie mit ihrer schweren Axt oder Kohlenschaufel Stufenschlagen müssen.

Es folgte die Querung zum Harper Gletscher auf rund 5000 Metern zum Fuße des "Sourdough Gully". Diese rund 700 Hm hohe und zwischen 40 und 55 Grad steile Schnee- und Eisrinne stellte die Schlüsselpassage ihres Anstieges dar.

Der  Denali Pass auf ca. 6000 m Höhe trennt mit dem Harper Gletscher den Nord vom Südgipfel. Durch diesen Pass entsteht bei Stürmen eine heftige Düsenwirkung, welche infernale Kräfte im Falle eines Wettersturzes entfesselt. Der Südgipfel ist zwar um einiges höher, aber vom Browne Tower schaut der Nordgipfel höher aus. Außerdem ist von  Kantishna und Fairbanks nur der Nordgipfel sichtbar. Daher entschlossen sich die "Sourdoughs" den Nordgipfel zu besteigen, obwohl dieser technisch gesehen wesentlich schwieriger, wenn auch etwas niedriger war als der Südgipfel.

Bemerkenswert finde ich auch die Tatsache, dass die Gruppe nicht einmal ein Kletterseil mitführte. Dafür aber Holzstangen, um mit den Hunden die großen Spalten überwinden zu können.  Auch wenn man berücksichtigt, dass das Coloir vor dem großen Erdbeben von 1912 eventuell etwas leichter zu besteigen war, war diese seilfreie Besteigung in einer Höhe von an die 6000 m damals absolute weltspitze!
regelmäßige Schneefälle sorgen für regelmäßigen Schaufeleinsatz, Solo am Denali

Als die Sourdoughs die letzten Felsen am Nordostgrat, in einer Höhe von 18 700 fuss erreicht hatten, war Charly McGonagal fertig. Körperlich von den Strapazen gezeichnet fürchtete er, den Abstieg ohne Seil nicht zu schafften. Immerhin hatte er tapfer bis in diese Höhe die 2 - 3 m lange Fahnenstange geschleppt.

Der bärenstarke "Schwede" Peter Anderson hatte den Großteil der Route bisher gespurt und gemeinsam mit Billy Taylor meisterte er auch die letzten zwei Stunden am Grat bis zum Nordgipfel.
Um 15 25, zwölf einhalb Stunden nach ihrem Aufbruch, erreichten die beiden den Gipfel.

Als sie den bereits heftig frierenden Charlie McGonagall wieder erreichten, verbesserten sie noch die Befestigung der Fahnenstange, bevor sie sich an den gefährlichen Abstieg durch das immerhin bis zu 55 Grad steile Coloir machten, ohne Seil, Pickel oder sonstige Hilfsmittel, nur mit ihren einfachen 9 zackigen Steigeisen . Nach 18 Stunden erreichten sie wieder ihr "Tunnel Camp" am Fuße der Carstens Ridge.
interessantes Bild des Nordgipfels, am rechten Bildrand die ob ersten Felsen des Nordostgrates

Bemerkungen:

Die drei Erstbesteiger mussten sofort wieder zu ihren Claims in Kantishna um ihre Arbeit als Goldsucher wieder auf zu nehmen. Sie wollten nie wieder einen Berg besteigen und hatten auch die für die Besteigung in diesm Stil so wichtigen Steigeisen am Beginn des Muldrowgletschers "entsorgt".


Alleine Thomas Lloyd kehrte nach Fairbanks zurück und begann sofort mit einer professionellen Mediencampagne. Er versteigerte raffiniert seine Geschichte, wobei er kräftig übertrieb. Nicht nur will er selbst bei der Besteigung bis zum Gipfel dabei gewesen sein, sondern auch noch den Süd- und den Nordgipfel bestiegen haben.

Nachdem es keine Beweisfotos gab, man die Fahnenstange von Fairbanks aus auch bei bestem Wetter nicht sehen konnte, machten sich wiederum Zweifel über die Wahrheit der Geschichte breit. Niemand wollte so recht glauben, dass der fette und unsportliche Thomas Lloyd zu so einer körperlichen Leistung fähig war. Da man Thomas Lloyd die Geschichte nicht glaubte, zweifelte man zwangsläufig auch an der Besteigung der übrigen Teilnehmer, zumal sie nicht in Fairbanks waren, um ihre Story zu verbreiten.

Erst zwei Jahre später versuchte wiederum eine Gruppe eine Besteigung des Südgipfels. Hershel Parker, Belmore Browne  und Merl La Voy mussten aufgrund schlechter Nahrung ihre Besteigung nur ganz kurz unter dem Südgipfel abbrechen, entkamen aber knapp dem großen Erdbeben und den damit verbundenen Lawinen von 1912 am Berg. La Voy machte viele Fotos von der Expedition, unter anderem auch vom "Sourdough Coloir".

1913 gelang schließlich die dokumentierte erste Besteigung des  höchsten Punktes Nordamerikas. Harry Karstens Walter Harper und Hudson Stuck (Referend). Bei dieser Expedition 

sagten die Teilnehmer übereinstimmend aus, dass sie die Fahnenstange am Nordgipfel gesehen hätten.

auch zur besten Zeit im Jahr kann es richtig kalt werden am Denali
Die Zweifel an der "Sourdough" Expediton blieben, zumal es unvorstellbar schien, in derart kurzer Zeit so schwieriges und weitläufiges Gelände mit der damaligen Ausrüstung bewältigen zu können. Die Bergsteiger von 1912 brauchten Wochen, um eine endlose Stufenleiter in die Karstens Ridge zu schlagen....

Jon Waterman durchsuchte nun gemeinsam mit einem der erfahrensten Bergführer am Denali, Brian Okonek, die alten Bilder der 1912 Expedition von LaVoy, scannte und vergrößerte die infrage kommenden Fotos. Auf einem ist in einer Vergrößerung von 400 % eindeutig die Fahnenstange von
1910 zu erkennen.
Als weiteren Beweis konnte Jon Waterman die originalen "Steigeisen" der Sourdough Expedition in einem Museum der Nationalpark Behörde ausfindig machen. Nach 22 Jahren im Eis des Muldrow Gletschers wurden diese gefunden und in einem Museum ausgestellt. Verblüffender Weise hatten diese Steigeisen 9 Zacken, ein "Bodenblech" und waren rostfrei galvanisiert. Allein die Produktion dieser Steigeisen beweist die detailierte Planung dieser Expedition.

Die ganze Geschichte kann man im Buch "Chasing Denali" von Jon Waterman genau nachlesen.
ISBN 978 1 4930 3519 9


Pflichtlektüre für alpinhistorisch interessierte Leser!














Donnerstag, 8. August 2019

Alpin Journal: Der Alpenverein als alpine Regelungsbehörde - wo l...

Alpin Journal: Der Alpenverein als alpine Regelungsbehörde - wo l...: Der Alpenverein als alpine Regelungsbehörde - wo liegen die Grenzen dieses Grössenwahns? Kürzlich hatte ich es gewagt, ohne dem Sanktus un...

Der Alpenverein als alpine Regelungsbehörde - wo liegen die Grenzen dieses Grössenwahns?

Der Alpenverein als alpine Regelungsbehörde - wo liegen die Grenzen dieses Grössenwahns?

Kürzlich hatte ich es gewagt, ohne dem Sanktus unserer obersten Regelungsbehörde, sprich Alpenvereines in Innsbruck, in einem Klettersteiggarten in Gosau am Dachstein einen schwierigen Klettersteig im Grad G zu eröffnen. Siehe Bergsteigen.com/Gosauschmiedhammer

im Gosauschmiedhammer, Bild: Bergsteigen.com

Mehr hat es nicht gebraucht. Innerhalb kürzester Zeit war ich am sozial Medien Pranger einem tsunamiartigen Sturm an Meldungen ausgesetzt. Die oberste AV Regelungsbehörde in Innsbruck war nicht untätig gewesen, und in ihrer lückenlosen Überwachung der Bergsteiger wurde unser Klettersteig "Gosauschmied Hammer" mit der unglaublichen Länge von ca. 20 m im Schwierigkeitsgrad G erfasst.

Ohne Rückfrage wurde ich sofort via Medien "ersucht", den Klettersteig rück zu bauen und somit aus dem Klettersteiggarten zu entfernen.
steil im Gosauschmied Hammer, F/G

Jeder normal denkende Mensch wird sich da sofort fragen, ist es denn überhaupt Sinn und Aufgabe des Alpenvereines, über seine Mitglieder und deren Aktivitäten zu wachen und - bei nicht genehmen Verhalten - sofort mit Sanktionen und Drohungen zu agieren?

Dämmert die Freiheit des Bergsteigens heran?
Dieses Verhalten der Verantwortlichen Personen im Hauptverband des AV in Innsbruck erinnert mich stark an die Diskussionen anlässlich der "Tirol Deklaration" vor vielen Jahren. Der Alpenverein hat damals ein Regelwerk verfasst und sich flugs sogleich als oberster Hüter einer "Alpinmoral" aufgeschwungen. Bergsteiger und solche die es gerne wären wurden darin aufgefordert, sich genehm den Strategen in Innsbruck zu verhalten, ansonsten drohe der Bann durch die mächtigen AV Funktionäre!

Selbstverständlich haben wir uns im Inneren Salzkammergut nicht den Wünschenn einer Funktionärsklüngel in Innsbruck gefügt. Im Gegenteil. Das Salzkammergut ist schon seit Jahrhunderten als eine Bergregion bekannt, in der sich die Bevölkerung immer gegen die Mächtigen behauptet hat.



ich lasse mich nicht Gängeln, schon gar nicht vom AV in Innsbruck


Der Klettersteig Gosauschmiedhammer im Klettersteiggarten beim Gosauschmied Stausee wird natürlich nicht zurück gebaut.






Mittwoch, 5. September 2018

Alpin Journal: Das Ende der "Freiheit" in den Bergen der Alpen!

Alpin Journal: Das Ende der "Freiheit" in den Bergen der Alpen!: Es ist soweit! Die vielbesungene Freiheit in den Bergen der Alpen ist Vergangenheit. Was ist passiert? Schon seit Jahren geistern immer w...

Das Ende der "Freiheit" in den Bergen der Alpen!


Es ist soweit! Die vielbesungene Freiheit in den Bergen der Alpen ist Vergangenheit. Was ist passiert?

Schon seit Jahren geistern immer wieder Meldungen über überfüllte Gipfel durch die Medien. Besonders "ausgezeichnete" Gipfel - wie etwa "der Höchste", "der Schönste", "der Schwierigste" - sind da gefährdet von Menschenmassen überrant zu werden.  Nicht nur im Alpenraum. So werden auf den diversen Achttausender "Normalwegen" Jahr für Jahr immer mehr "Bergsteiger-Touristen" gezählt.
der technisch leichte Normalweg am Mt. Blanc zieht Menschenmassen magisch an

So war es schon seit Jahren, etwa am Matterhorn in Zermatt, gängige Praxis, dass der Hüttenwirt seine Gäste in der Nacht in der Hütte einsperrte, um sie "häppchenweise" nach einer genauen Rangordnung zur Besteigung am Morgen wieder zu befreien. Mit dieser Methode sollten Unfälle verringert werden....

Am meisten Probleme gab es allerdings in den letzten Jahren immer mehr verstärkt im Mt. Blanc Gebiet, bzw. am höchsten Gipfel der Alpen selbst. Hunderte sogenannte Bergsteiger belagern in der Hochsaison im August t ä g l i c h den Berg. Insider wissen von dem Problem schon lange, und versuchten diese "Stosszeiten" zu umgehen, und auf weniger turbulente Besteigungszeiten aus zu weichen.

Die Hütten auf den diversen Normalwegen des, auch "Monarch" genannten, höchsten Berges der Alpen waren auf allen Seiten - ob von Chamonix, St. Gervais, oder von der italienischen Seite in der Hauptsaison ständig überfüllt. Nun haben besonders  Bergsteiger aus den ehemaligen Ostblockstaaten natürlich versucht, den überfüllten und konsequenter Weise überteuerten Hütten, auszuweichen. Dadurch entstanden "wilde" und "halbwilde", von den Behörden notgedrungen tolerierte, "wilde Campingplätze" in Hüttennähe - natürlich mit den sattsam bekannten sanitären Umweltproblemen.


die Vallot Hütte am Bossgrat, eigentlich nur Notunterkunft, wird oft als Biwak missbraucht

Im vergangenen Sommer verstärkte, eine für im Alpen Nordstau gelegene Gegend, "unwirklich lange" stabile Schönwetterphase noch den Ansturm. Es kam in der Folge auch zu diversen "Handgreiflichkeiten" unter den "Bergsteigern".

Dies veranlasste nun die Bürgermeister der Umgebungsgemeinden entgültig zur Einfühurng eines "Permittsystems". Dabei geht es nicht um Geld, sondern um ein Steuern der Menschenmassen am Berg. Offenbar will man, wie in manchen Nationalparks der USA oder in Neuseeland, den Zugang in dem Maße steuern, wieviele Menschen im entsprechenden Gebiet sind. Ist die Quote voll, so wird gesperrt und erst wenn jemand wieder herausgeht, kann der Nächste wieder hinein.
ob die ergriffenen Massnahmen etwas nützen wird die Zukunft zeigen

Wie hoch diese Quote am Mt. Blanc sein wird, wird derzeit evaluiert. Ich denke, dass man sich dabei an der Kapazität der Hütten orientieren wird, da das wilde und halbwilde Campen per sofort absolut verboten wurde.

Ein weiteres Problem ist sicher der Arbeitsrechtliche Bereich für die rund 2000 Bergführer alleine im Tal von Chamonix. Wird es Unterschiede zwischen Permits für Bergführer und Permits für "Führerlose Seilschaften" geben? Alles nicht leicht zu lösende Aufgaben für die Behörden im Tal.

Im Himalaja hat das Permitsysem zu keiner Lösung des Problems beigetragen - im Gegenteil. Durch Korruption und ständigen Änderungen im System wurden die Bergsteiger eher verunsichert. Auf der anderen Seite funktioniert ein Permitsystem scheinbar in den USA und Neuseeland - zumindest in den Ansätzen. 

Durch den Ansturm von zuvielen Menschen zur selben Zeit, hat sich damit die "Freiheit in den Bergen" von selbst erledigt. Ab einer gewissen Zahl von Menschen muss man einfach mit Regelungen eingreifen, so leid es uns Bergsteigern auch tut.

Sonntag, 10. Juni 2018

Alpin Journal: Neuerlicher Speedrekord an der "Nose" im Yosemite ...

Alpin Journal: Neuerlicher Speedrekord an der "Nose" im Yosemite ...: Es ist vollbracht - ich meine, es ist bewiesen. Es ist möglich, eine der bekanntesten Kletterrouten der Welt, die Nose am El Capitan im kali...

Neuerlicher Speedrekord an der "Nose" im Yosemite oder wie sinnlos ist Rekordbergsteigen

Es ist vollbracht - ich meine, es ist bewiesen. Es ist möglich, eine der bekanntesten Kletterrouten der Welt, die Nose am El Capitan im kalifornischen Yosemite, in weniger als zwei Stunden zu klettern. Was für eine Leistung! Zwei der derzeit absolut besten Kletterer der Welt fanden sich zu einem Team und arbeiteten seit Monaten auf den Rekord hin.
Tommy Caldwell - bekannt für seine freie Begehung der Dawn Wall am El Cap, der damit schwersten Mehrseillängen-Route der Welt, und Alex Honnold, bekannt für seine spektakulären Solos - unter vielen anderen Routen kletterte er auch die Route Freerider am El Cap free solo!
die "Nose" verläuft entlang der Licht- Schattengrenze

Wir benötigten bei meiner ersten Begehung einer Route am El Cap, vor rund 30 Jahren, noch gute drei Tage für die 1000m steilen Granit, der Erstbegeher Warren Harding noch um die 40 Tage. In den 70er Jahren waren es John Long, Jim Bridwell und Billy Westbay die als erste nur einen Tag für diese legendäre Route benötigten.

Ein weiterer Meilenstein gelang der kleinen, zierlichen Lynn Hill. Die New Yorkerin kletterte als erster Mensch in freier Kletterei, also ohne sich an irgendeinen Sicherungspunkt zu halten, durch die spektakuläre Linie, welche die Südost- von der Südwestwand dieses riesigen Berges trennt.
"klassisches Big Wall klettern"

Am 4. 10 2007 kletterten die beiden Brüder Alexander und Thomas Huber noch in zwei Stunden und 45 Minuten durch die Riesenwand. In nur rund zehn Jahren wurde ihr Rekord also noch um fast ein Drittel unterboten.

Jetzt stellt sich für mich schon die Frage - wie sinnvoll findet man als Beobachter der Szene solche Rekorde beim Bergsteigen?

Einer der den Rekord an der Nose sicherlich am öftesten innehatte, der Kalifornier Hanns Florine, hat sich bei einem spektakulären Sturz während eines Speedversuches vor einigen Wochen beide Beine gebrochen. Zwei weitere, als sehr erfahren geltende "Bigwall Kletterer" (100 + Big Walls) starben bei einem Seilschaftsflug während eines Speedversuches in der Route "Salathe" vor einigen Tagen.

Haulbag schleppen wird beim "Speed Climbing" vermieden.....

Wie funktioniert nun so ein "Speed Bigwall"? Die beiden Kletterer sind nach wie vor durch ein Kletterseil verbunden. In den leichteren Passagen wird einfach gleichzeitig geklettert; das nennt man dann "simultan climbing". Ein möglicher "Abflug" beider Kletterer wird dabei nur durch die (wenigen) Zwischensicherungen (Keile o.ä.) gesichert. Wird das Gelände schwieriger, arbeiten die Akteure mit dem sogenannten "short fixing". Dabei wird das Seil am Standplatz mit einer Klemme (T-Block) fixiert und der Seil-Zweite kann also am fixierten Seil nachjümarn. Der Seil-Erste knüpft sich eine große Schlaufe des Seiles und fixiert das Ende an seinem Gurt. Gesichert ist er dabei nur durch das Gewicht des Seilzweiten an der zweiten "Seilhälfte". Fällt der erste, kommt es zu enorm weiten Stürzen und somit steigt das Risiko, sich zu verletzen.

In Summe ist so ein "Speed Bigwall" also noch gefährlicher, als "free solo" klettern. Denn wenn beim "simultan climbing" einer fällt, reisst er den Anderen notgedrungen mit.

Für mich persönlich kommt so ein Kletterstil niemals in Frage. Selbstverständlich ist es dem jeweiligen Kletterer überlassen, wieviel Risiko er nimmt.

Aber.....

Meiner Meinung nach sollte man aber so in die Berge gehen, dass man gesund wieder nach Hause kommt. Die Gefahren in der freien Natur sind sowieso schon groß genug für das eine oder andere unvorbereitete Abenteuer. Solche spektakuläre Speedaktionen bieten irgendwo die Gefahr, dass sich nicht nur die Akteure selbst gefährden, sondern auch der eine oder ander Jugendliche Kletterer zur Nachahmung verlockt wird.

Auf der anderen Seite lebt das Bergsteigen natürlich auch durch die Suche und Lösung von scheinbar Unmöglichem.

Viele alpine Abenteuer wären ohne entsprechender Geschwindigkeit wiederum viel gefährlicher. Ich denke da etwa an eine Durchsteigung der klassischen Eiger N-Wand. Es ist selbstverständlich ein Unterschied, ob man auf der rund 3,5 km langen Kletterstrecke 3 - 4 Tage oder 1 oder 2 Tage unterwegs ist. Viele Stellen sind da stark dem Steinschlag ausgesetzt und auch das Risiko in einen Wettersturz zu geraten ist bei längeren Begehungszeiten natürlich viel größer. Wie so oft stellt sich  auch bei der Geschwindigkeit in der eine Klettertour absolviert wird die Frage nach der Grenze, wo das Ganze dann auf Kosten der Sicherungstechnik geht.

Ist also jemand der einfach ein unglaubiches Risiko nimmt, ein "besserer Kletterer"?

Sonntag, 27. Mai 2018

Alpin Journal: Zwei Jahre unbedingtes Gefängnis für Sportkletterl...

Alpin Journal: Zwei Jahre unbedingtes Gefängnis für Sportkletterl...: Das extreme Sportklettern entwickelt sich ja schon länger ähnlich wie das Leistungsturnen, zu einer "Kindersportart". Immer meh...

Zwei Jahre unbedingtes Gefängnis für Sportkletterlehrer


Das extreme Sportklettern entwickelt sich ja schon länger ähnlich wie das Leistungsturnen, zu einer "Kindersportart".

Immer mehr Kinder finden ihren Weg in die internationalen Schlagzeilen der bunten Klettermagazine und selbstverständlich auch ins Internet.

Umso größer war vor einigen Jahren die Betroffenheit,  als der 12 jährig Tito Traversa in Südfrankreich bei einem sehr, sehr tragischen Kletterunfall ums Leben kam.

Was war passiert? Anläßlich einer Kletterreise, veranstaltet von einer Kletterhalle, mit einer Gruppe von 9 jugendlichen Italienern, begleitet von drei Erwachsenen, nach Orpierre in Südfrankreich, kletterte der kleine "Star" eine für ihn einfache Route zum Aufwärmen (ca. 6c, sein Niveau lag schon um 8a). Er hängte 12 geliehene Expressschlingen ein, und als er die oberste Schlinge belastete, rissen 7 durch, und der kleine Tito fiel bis auf den Boden. Später stellte sich heraus, dass offenbar sämtliche Expressen falsch zusammen geklippt waren. Ein Karabiner wurde  nur durch die Gummifixierung gefädelt anstatt auch durch die Schlinge. Diese Gummifixierungen sind dann gerissen.....Zusammengestellt wurden die Expressen von einer begleitenden Mutter, die nichts mit dem Klettern am Hut hat.

Wie bei jedem (tragischen) Unfall kam es selbstverständlich zur genauen Untersuchung des Unfallherganges. Aufgrund des Ergebnisses wurde nun ein Sportkletterlehrer zu zwei Jahren unbedingter Haft verurteilt.

Der Vater des Jungen Tito findet, dass ausser dem Kletterlehrer noch mehrere Personen der Herstellerfirma und der  veranstaltenden Kletterhalle angeklagt gehört hätten, und ist mit dem Urteil daher nicht zufrieden.

Für mich ist dieser Vorfall tatsächlich sehr interessant zu beobachten. Aufgrund der Beteiligung eines so jungen Unfallopfers trifft einen dieser Unfall natürlich besonders  emotional.

Zur Beurteilung der Fakten sollte man aber mal die Emotionen beiseite lassen können. Ich finde, dass ein Kletterer, wenn er bereits in einem Niveau von um die 8a klettern kann, auch ein gewisses Maß Eigenverantwortung tragen kann.  Jedenfalls wenn es um kletterspezifische Themen wie etwa Expressen geht.
Auf der anderen Seite hatten die Erwachsenen natürlich die "Aufsichtspflicht". Neben einem Skitourengeher, der eine Lawine auf eine Skipiste auslöste, ist dies der zweite mir bekannte Vorfall, wo in Italien an "Bergsteigern" eine unbedingte Haftstrafe anläßlich eines Unfalles verhängt wurde.
Symbolbild, Standplatz

Über die höhe der Strafe des Kletterlehrers kann man da meiner Meinung nach tatsächlich diskutieren. Ist es für eine Person, auch wenn es sich um ein "Kind" handelt, zumutbar, auf Grundlagen in der Ausübung einer Sportart eigene Verantwortung  zu übernehmen?
die Paragrafen haben das Klettern erreicht, aber wohin führt das?

Ich denke, wenn ein Kind schon über eine derartige Erfahrung beim Klettern verfügt, wie es ein Kletterer, der im 8a Bereich unterwegs ist haben muss, so kann man auch erwarten, dass es gewisse Dinge eigenverantwortlich macht. Die Sicherung richtig einlegen, oder eben die Expressen checken. Der begleitende Kletterlehrer hatte jedenfalls eine Aufsichtspflicht und daher müsste er alles nochmals checken. Aber auch bei jemand, der schon 8 a klettert?

Mittwoch, 16. Mai 2018

Alpin Journal: Sind Tourismus und traditionelles Bergsteigen tats...

Alpin Journal: Sind Tourismus und traditionelles Bergsteigen tats...: Reinhold Messner gab vor kurzem der Himalayan Times in Kathmandu ein beachtenswertes Interview. Sinngemäß betonte er darin einen Unterschi...

Sind Tourismus und traditionelles Bergsteigen tatsächlich verschieden? wie Reinhold Messner in der Himalayan Times meinte

Reinhold Messner gab vor kurzem der Himalayan Times in Kathmandu ein beachtenswertes Interview.

Sinngemäß betonte er darin einen Unterschied zwischen Tourismus und dem traditionellen Bergsteigen. Mit dieser Bemerkung spielte er auf das sogenannte Expeditionsbergsteigen auf den Normalwegen der Achttausender - insbesondere am Mt. Everest - an. Weiters meinte er, dass er im Gegensatz zu früher nichts gegen Tourismus hätte, da dieser doch ein wichtiger Wirtschaftszweig in dem kleinen Himalajastaat sei.

Sonnenaufgang am höchsten Punkt der Erde

Ich finde, dass es sich da doch um eine relativ bemerkenswerte Aussage handelt. Wenn man das Interview genau betrachtet, so unterscheidet Messner also zwischen "traditionellem Bergsteigen" und Tourismus.

Um über diese Fakten sinnvoll diskutieren zu können, müssen wir mal definieren, was "traditionelles Bergsteigen" überhaupt sein soll. So wie ich das auffasse, meint Messner damit jene Art und Weise, wie er selber den Großteil seiner Touren absolviert hat. Eigentlich ein ziemlich elitärer Stil. Wobei es häufig um Erstbegehungen geht, oder sonstwie um das Aufstellen irgendwelcher Rekorde oder "firsts".

Nun, ich finde es eigentlich ziemlich arrogant, den eigenen Stil wie man Bergsteigen betreibt, als das "allgemein Gültige" zu definieren. Nach meiner Meinung hat sich Bergsteigen immer in verschiedene Richtungen entwickelt, wiewohl manche Richtungen später als gewisse Sackgasse erschienen. Obwohl - wenn man das technische Klettern der 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts anschaut, so hat es sich auch im modernen Big Wall Klettern sehr wohl weiterentwickelt. Ich denke da nur an so manchen A5 new wave "Hammer" etwa im Yosemite am El Capitan.

Aber gilt nur das "Aufstellen alpiner Rekorde" als richtiges Bergsteigen? Bin ich erst ein richtiger Bergsteiger, wenn ich schneller als z.B. Ueli Steck durch die Eiger Nordwand rennen kann?

Gilt im Gegensatz dazu dann das Bergsteigen, so wie es eben viele tausende Menschen betreiben, als "Tourismus"? Wie definieren wir Tourismus? Urlauber-Massen in Venedig bzw. in den letzten Jahren im "Venedig des Gebirges" - in Hallstatt? Sind Bergreisen - auch zu elitären Zielen mit kleinen Teams nicht auch eine Form von Tourismus?

Also irgendwie hinkt der Vergleich. Ist jemand der die Streif auf glatt gehobelter Piste im "Schuss" anlässlich eines Skirennens hinunter rast ein Skifahrer bzw. einer der die "nicht gesperrte Piste" mit  hunderten Anderen hinunter kurvt dann kein Skifahrer, sondern ein Tourist? Sorry, Reinhold bei Deiner Argumentation kann ich nicht mit.
Basislager Mt. Everest in Nepal

Selbstverständlich hat der größte Klettersteig der Welt - der, auf den Mt. Everest - mitsamt seinem mittlerweile nahezu unerträglich gewordenen Zirkus nicht (mehr) viel gemeinsam mit dem Bergsteigen auf einen einsamen Gipfel fernab jeglicher Zivilisation. Trotzdem ist beides Berge besteigen, also Bergsteigen.


In einer Sache möchte ich Reinhold Messner allerdings zustimmen: Niemand würde zum Beispiel Teilnehmer an einem olympischen Marathon mit einem Hobbyläufer unter Tausenden anlässlich eines "City-Marathons" in einen Topf werfen. Obwohl beide eine genau definierte Strecke unter zumindest ähnlichen Bedingungen laufen. Beim Bergsteigen wird das "Gerät"  - besser - der "Berg" angepasst, also Pisten zum Gipfel errichtet. Und viele der Bergsteiger gebärden sich dann so, als wären sie auf diesen Pisten tatsächlich wie ein "Rekord-Bergsteiger" unterwegs auf einer alpinen "Heldentat".

Alle, ob jetzt Rekord-Bergsteiger oder touristischer Bergsteiger, haben natürlich ihre Daseinsberechtigung. Beide Richtungen des Bergsteigens bieten ihren Portagonisten wunderbare Spielplätze. Man sollte sich in der Ausübung allerdings immer des Unterschiedes bewusst sein.

Ich denke aber, dass es Reinhold Messner mit seinem Interview um ganz etwas anderes als um schnöde Begriffs-Definitionen ging - und auch geht.

Gerade in diesen Tagen sind wieder hunderte Bergsteiger mit ihren Sherpas am Mt. Everest unterwegs zum Gipfel. Für mich ist nicht die Anzahl der Bergsteiger bedenklich. Da haben wir in den Alpen am Mt. Blanc oder am Matterhorn bzw. am Großglockner ganz andere Probleme zu bewältigen.

Vor einigen Jahren konnte ich selber als Bergführer den Mt. Everest drei Mal besteigen. Schon damals war der "Zirkus" um die sogenannten "Expeditionen" grenzwertig, ja für mich gerade noch akzeptabel.

Wenn ich mir hingegen den Trend der modernen jüngsten Entwicklungen um die "Newcomer" am "Everest-Markt" anschaue, so finde ich dies schon bedenklich. Der eine Touristiker bietet komfortable Zwei-Zimmer-Zelte pro Person im Basislager an, der andere hat Sauna und Wohnzimmer inklusive. Ich für meinen Teil finde jedoch, dass Bergsteigen sehr wohl mit einem gewissen Komfortverzicht und Abenteuergeist, dem sprichwörtlichen "Draussen sein" zu tun haben sollte.

Bereits in den Ostalpen ist der Trend Berghütten zu komfortablen "Alpin-Hotels" mit Komfortzimmer und  Sauna umzubauen zu beobachten. Im Gegensatz dazu sind die meisten Hütten in den Westalpen noch "richtige, einfache Berghütten"geblieben.

Wie bei vielem Anderen ist also das große Problem wo man die Grenze zieht. Ist es noch vertretbar den Mt. Everest mit Sauerstoff  zu besteigen, aber nicht mehr, wenn ich ab dem Basislager mit 8 Liter O2 pro Minute unterwegs bin? Das reduziert den höchsten Berg der Welt dann tatsächlich in die Gegend eines einfachen 6000ers. Oder sollte man die O2-Benützung nur in der Todeszone mit max. 3 oder 4 Litern pro Minute begrenzen? Sollte man überhaupt Regeln für das Bergsteigen aufstellen? Oder sollte jeder so auf Berge steigen wie er eben möchte?

Ab welcher Höhe und mit wieviel Liter O2 ist eine Besteigung des Mt. Everst noch sinnvoll?

Wohin führt diese Entwicklung wenn man weiter in die Zukunft denkt? Wenn ich mir den Mt. Everest heute anschaue, bin ich tatsächlich etwas traurig, dass ich selbst Teil dieser Entwicklung gewesen bin.





Montag, 13. November 2017

Alpin Journal: "Stop or Go" - eine Entscheidungsstrategie von ges...

Alpin Journal: "Stop or Go" - eine Entscheidungsstrategie von ges...: Auf der Suche nach dem Königsweg der "Lawinenentscheidung" - Gedanken zur Podiumsdiskussion bei der Alpinmesse in Innsbruck Mi...

"Stop or Go" - eine Entscheidungsstrategie von gestern?



Auf der Suche nach dem Königsweg der "Lawinenentscheidung" - Gedanken zur Podiumsdiskussion bei der Alpinmesse in Innsbruck

Mit Stefan Beulke, Jurist und Berg- und Skiführer aus Deutschland, sowie Jürg Schweizer vom SLF in Davos war diese Diskussion hervorragend besetzt. Dazu kamen noch die bekannten Vertreter von den Naturfreunden Martin Edlinger und dem ÖAV Michael Larcher, sowie von den Skilehrern Markus Kogler und als Profi Bergführer Michi Andres -  klar war meine Erwartung in die Veranstaltung hoch gesteckt, zumal sie von einem ausgezeichneten Profi, Peter Plattner, moderiert wurde.

Windspiele im Gosaukamm - einem Paradies für Freerider

Stefan Beulke wies in seinem Eröffnungsstatement darauf hin, dass er im Zuge einer Recherche sage und schreibe 26 verschiedene Methoden bzw. Strategien zur Entscheidungshilfe in Punkto Lawine gefunden habe.

Peter Plattner setzte darauf als Ziel der Veranstaltung fest, die Frage zu beantworten, ob es unter den Experten eine gemeinsame Basis zur Entscheidungshilfe gäbe, oder eben nicht. Zitat: "Der Diskurs, ob der probabilistische, analytische oder intuitive Ansatz zu den besten Entscheidungen führt, wird je nach Land, Ausbildungsorganisation und vorherrschender Lehrmeinung sehr kontrovers geführt."


Der aufmerksame Leser merkt hier sofort, die Alpinwissenschafter bzw. Experten in Innsbruck wissen sich für jederman "leicht verständlich" auszudrücken.

Hier eine Übersetzung für Bergsteiger, die nicht der Gilde der "Alpinwissenschafter" angehören:
probabilistisch - wahrscheinlich;  analytisch - zerlegend, rational; intuitiv - Entscheiden ohne bewusster Schlussfolgerung, aus dem Unterbewusstsein.

Klarerweise drehte sich die Diskussion im Wesentlichen dann darum, dass jeder Vertreter seine Methode beschrieb und auch verteidigte. Für mich war auch sehr interessant, wie der eine oder andere Diskutant mit etwaiger Kritik umgehen konnte oder eben nicht!

Für mich neu war allerdings die Tatsache, dass Jürg Schweizer - d e r  Lawinenprognoseexperte schlechthin vom SLF Davos, öffentlich bestätigte, dass eine Beurteilung eines einzelnen Hanges mit dem Lawinenlagebericht n i c h t möglich sei.


Wenn man dann noch in Betracht zieht, dass 25% aller Lawinenlageberichte falsch sind, so ist es kein großer Schritt zur Tatsache, dass Methoden, die als "Input" den Lawinenlagebericht bzw. die Gefahrenstufe haben, als "Output" keine besseren Ergebnisse liefern können.

Wie sinnvoll ist es dann, eine Strategie anzuwenden, die als wesentlichen Input die Warnstufe aus dem Lawinenlagebericht hat?

Wir haben also auf der einen Seite die breite Masse der mehr oder weniger durchschnittlichen Anwender bzw. Tourengeher die nach einer einfachen ja/nein Strategie lechzen, und auf der anderen Seite einige wenige "Experten", die sich uneinig über die eine oder ander Methode zur Entscheidungsfindung sind. Dahinter stehen dann noch die Leute die die Lawinenberichte und Warnstufen erstellen, und die davor warnen, den Lawinenlagebericht als absolute Grundlage für Entscheidungen zu nehmen.
Tourenplanung im Wohnzimmer, am besten mit Fernglas

Es entstand in der Vergangenheit zunehmend das Problem, dass sämtlich Methoden dem durchschnittlichen Anwender suggerieren, dass man die Lawinengefahr genau berechnen oder einstufen könne. Mit der Grundlage der jeweiligen Warnstufe und exakten dazu passenden Verhaltensregeln wird dieses Gefühl sogar noch verstärkt. Es scheint mir, dass diese Entwicklung ausbildungstechnisch in einer Sackgasse gemündet hat! (Holzweg)

Bei gleichzeitiger Warnung von Experten, dass es "nix genaues gibt", führt das zunehmend zu einer Verunsicherung aller Anwender. Die Erfinder der einen oder anderen Entscheidungsstrategie verteidigen ihre eigene oder verteufeln andere Stratgien und agieren zunehmend an ihrer Zielgruppe, dem durchschnittlichen Bergsteiger vorbei. Stichwort: Fremdwörter Orgie!


Zwischen Lawinenlagebericht und Anwender werden also Vehikel der Entscheidungsstrategie zwischengeschaltet (Snow Card, Stop or go usw.), die eine falsche Entscheidungs - Sicherheit suggerieren. Spricht man mit den Leuten von den Lawienenwarndiensten, so bekommt man rasch die Bestätigung, dass eine Lawinen Prognose (Lawinenlagebericht) wesentlich schwieriger zu erstellen ist, daher auch viel ungenauer,  als etwa ein Wetterbericht.

Niemand würde auf die Idee kommen, auf Grundlage des Wetterberichts eine Strategie zu entwickeln, die dann mehr oder weniger bindend die Entscheidung suggeriert ob man nun "stoppt oder doch weitergeht". Jedem ist sofort klar, dass der Wetterbericht nur eine grobe Planungshilfe ist, und kleinräumig selbstverständlich stimmen kann - oder eben auch nicht. Dass man eben selbst seine Nase in den Wind halten muss, um zu sehen, was draussen in der Natur los ist.

Was heisst das jetzt zusammengefasst? Ich hatte den Eindruck, dass die Lawinenexperten, die den Lawinenlagebericht erstellen, nicht wirklich mit der Entwicklung glücklich sind, dass ihr Lawinenlagebericht bzw. die prognostizierte Stufe, immer mehr als "Maß der Dinge" gilt.

Mit der öffentlich festgestellten These, dass eine Prognose für den Einzelhang nicht möglich ist, dazu die Tatsache, dass jeder 4. Lagebericht sowieso falsch ist, sind für mich sämtliche Entscheidungs - Strategien, die mit der Grundlage Lawinenlagebericht arbeiten, hinfällig geworden.

Um über Fachintuition zuverlässige Entscheidungen fällen zu können, muss man sich rund 10 Jahre hauptberuflich mit einer Materie befassen. Da wir nur im Winter Skitouren gehen können, heisst das mindestens 20 Jahre unterwegs sein, und das hauptberuflich. Erst dann hat man den nötigen "input" im Gehirn um die Muster der "Faustregeln", mittels derer solche Entscheidungen funktionieren, auch abrufen zu können.  Damit scheidet diese Methode für durchschnittliche Anwender von vornherein aus.

Einschränkend vielleicht, dass die eine oder andere Methode als Planungsgrundlage sicherlich ihren Nutzen beweist. Der Lawinenlagebericht hat natürlich nach wie vor  für mich einen sehr wichtigen Stellenwert, aber in etwa selbigen, wie der Wetterbericht für Bergtouren im Sommer.

Unsere Erde ist rund und sie dreht sich weiter. Was gestern der neueste Schrei war, kann sich vielleicht etablieren, aber ebenso von der wissenschaftlichen Entwicklung überholt werden. Man denke nur etwa an die Entwicklung von Handys. Wie schnell die ersten Modelle überholt waren und zum Beispiel Nokia praktisch vom Markt verschwand.

Ich glaube, dass in Zukunft Strategien entwickelt werden, die unabhängig vom jeweiligen Lawinenlagebericht vom Anwender als Einschätzhilfe angewandt werden können. Sie sollten aber jedem klar machen, dass es sich eben um ein Schätzverfahren mit Restrisiko handelt und nicht um eine klare Warnstufe oder gar um eine "Risikoampel". Wer halbwegs sicher im winterlichen Gebirge unterwegs sein will, kommt um eine umfassende Ausbildung und Beschäftigung mit der komplizierten Materie der Schnee- und Lawinenkunde also so oder so nicht herum.

Das große Abenteuer "Winter in der Natur" wird auch in Zukunft nur mit einer gewissen Risikotoleranz möglich sein - und ich finde das ist gut so!



Dienstag, 10. Oktober 2017

Alpin Journal: Francek Knez - oder Gedanken zum Tod eines der l...

Alpin Journal: Francek Knez - oder Gedanken zum Tod eines der l...: Wer war nun Francek Knez? "Knez wer?", höre ich einen Freund von mir sagen. Mein Freund, ist so ein typischer "Athleten Kle...

Francek Knez - oder Gedanken zum Tod eines der letzten "Helden der Berge"

Wer war nun Francek Knez?

"Knez wer?", höre ich einen Freund von mir sagen. Mein Freund, ist so ein typischer "Athleten Kletterer", groß geworden in einer der wie Schwammerl aus dem Boden schießenden Kletterhallen. Mit "Abenteuer Klettern", oder dem "großen Bergsteigen" hat er laut Eigenaussage nicht viel am Hut. Geklettert wird heute in viel höheren Schwierigkeitsgraden, von blitzenden Bolt zu Bolt, völlig ohne Angst und Abenteuer.

Und anstatt - wie ich - Erlebnis Literatur über wilde Bergtouren und Erstbegehungen zu verschlingen, wird intensiv nach den neuesten Trainingsapps gegoogelt und diese dann am Smartphone installiert.

Ist es ein Generationsunterschied? Oder wurde die "Alpine Heldenliteratur" auch früher eher selten verschlungen, und bin ich mit meinem Interesse daran eine eherne Ausnahme, ein exotisches Faktotum so zu sagen?
Anica Kuk

Meinen ersten Kontakt mit dem Namen des slowenischen Bergsteigers hatte ich Anfang der Achtziger Jahre. Die steirische Bergsteigerszene war damals recht viel im "yugoslawischen Yosemite", der Schlucht des Paklenica Nationalparks im kroatischen Velebitgebirge, unterwegs. Man konnte schon damals hier die Saison verlängern und Klettern an einem unvergleichlichen Fels mit dem Meer kombinieren.
Knez in einem patagonischen Sturm

Kaca, die Schlange, heisst die Route, die heute mit 6a + (entspricht ca. VII -) bewertet wird. In unseren Topos von damals war die Route jedoch mit V+ bewertet. Sie zieht durch den rechten Teil der NW Wand am Anica Kuk, dem größten Gipfel der Region, immerhin rund 350 m hoch. Selbst mit dem damaligen Kletterstil, sich an allem und jedem fest zu halten bevor man "abging", ist uns die Route enorm schwer gefallen. Klar, es gab in dem Gebiet noch keine Bohrhaken und die paar Schlaghaken die es gab, waren vom Rost in einzelne hauchdünne Schichten zerfressen, würden einem Sturz also kaum widerstehen. Und ein Blick auf die messerscharfen Felskanten an jeder Ecke vertrieb automatisch jegliche Risikobereitschaft. Mit Keilen, Schlingen, Hexentrics und Schnüren kämpften wir uns irgendwie höher. Wenn das V+ sein soll.....Knez eben.

Später (1988), wir waren mittlerweile schon in Patagonien klettern, begegnte mir der Name Knez während meiner Vorbereitungen zu einem Klettertrip zum Cerro Torre. Der Name Knez stand 1983 in Verbindung mit der Erstbegehung der Route Devils Dihedral am Fitz Roy, 1986 dann mit der Direttissima an der Cerro Torre Ost- Wand und im Herbst 1986 gelang Knez mit der Route Psycho Vertical am Torre Egger ein absolutes Highlight des internationalen Bergsteigens. Diese Route wurde erst 2016, also genau 30 Jahre später, wiederholt. Logischerweise haben "Knez Routen" mittlerweile einen entsprechenden Nimbus rund um die Welt bekommen.

Zwischenzeitlich hat Francek Knez noch eine Neutour durch den östlichen Teil der Eiger Nordwand gemacht und noch vor Thomas Bubendorfer einen Speed Rekord in rund 6 Stunden durch die klassische Heckmaier Route aufgestellt. Neben der Neutour am Eiger gelangen Knez noch weitere Erstbegehungen an allen drei großen Gipfeln der Alpen, dem Matterhorn und der Grand Jorasses.
Selbstverständlich gibt es auch in den Dolomiten, von Tofana über Marmolada bis zu den Drei Zinnen "Knez Touren".

In seinen heimatlichen Bergen in Slovenien hinterließ der emsige Neuerschließer hunderte Erstbegehungen. Neben den großen Felsrouten und kombinierten Touren zog es Francek Knez auch in die hohen Berge des Himalaja und Karakorum.
Nameless Tower, Pakistan

Unvergessen ist die gewaltige Linie der Slowenenführe durch die Südostwand  am Nameless Tower (ca. 6200m) im Karakorum. Ein Jahr nach der Erstbegehung wurde diese Route von den Deutschen Wolfgang Güllich und Kurt Albert frei geklettert und 7 a + bewertet.....
Zwei ähnliche Routen gelangen Francek Knez mit seinen Freunden auch im indischen Garhwal Himalaja und auch am Bagirathi II

Die meisten Routen bzw. Expeditionen unternahm Franzek Knez mit seinen Freunden Silvo Karo und Janez Jeglic.

in Bildmitte Mt Everest, der Westgrat im Zentrum zum Betrachter

1979 dann die Teilnahme an einer Mt. Everest Expedition. Es handelt sich hier um jene Expedition, bei der der gesamte direkte Westgrat des Mt. Everests erstbegangen wurde. Wenn man das Gelände vom Basislager über den Lo La Pass hinauf zur Westschulter des Mt. Everest jemals persönlich begutachten konnte, so kann man die Leistung dieser Expedition in bergsteigerischer und logistischer Hinsicht erst richtig einschätzen. Knez war allerdings nicht Teil der Gipfelmannschaft.
1981 dann nahm Franzek Knez an der Lhotse Expedition teil, der der eigentliche erste Durchstieg durch die gewaltige Lhotse Südwand gelang. Die Expedition erreichte zwar den Grat, aber nicht den Lhotse Gipfel. Neben dem Kantsch (Gipfel) gelang es ihm noch am Broad Peak bis 7500m und am Cho Oyu bis 7700 m zu kommen.

Der emsige Erstbegeher (730 Routen um genau zu sein!) Knez hinterließ auch in Peru und im kalifornischen Yosemite seine Spuren.

Eigentlich ist es völlig unverständlich, dass ein derartig erfolgreicher Bergsteiger in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Nicht umsonst nannte man den Slowenen auch der "Stille Bergsteiger". Umso bemerkenswerter erscheint es für mich, dass dieser so aktive Mensch noch seinen Beruf in einer Fabrik nachgegangen ist und daneben noch Zeit für so viele Bergtouren und natürlich auch Trainingseinheiten finden konnte.

Die genauen Umstände seines Todes sind nicht bekannt. Aber er dürfte 25 m abgestürzt sein......

Dies macht mich sehr, sehr nachdenklich. Zweifellos war Knez einer der besten Bergsteiger aller Zeiten. Für mich gehört Bergsteigen und Abenteuer zusammen und damit natürlich auch eine gewissen Risikobereitschaft. Mit dem Alter und der Erfahrung - so sollte man Meinen - bewahrt einen eben diese Erfahrung vor fatalen Ereignissen. Verschiedene Vorfälle bzw. Unfälle von sehr erfahrenen Bergsteigern, ja sogar Profis, in den letzten Jahren haben aber gezeigt, dass man einfach immer aufpassen muss.









Dienstag, 19. September 2017

Alpin Journal: Vorakklimatisieren - geht denn das?

Alpin Journal: Vorakklimatisieren - geht denn das?: Seit geraumer Zeit geistern immer wieder Meldungen durch die diversen Medien, dass man durch vorheriges Akklimatisieren die Länge von Bergre...

Vorakklimatisieren - geht denn das?

Seit geraumer Zeit geistern immer wieder Meldungen durch die diversen Medien, dass man durch vorheriges Akklimatisieren die Länge von Bergreisen in große Höhe verkürzen könnte.

Vor einer Elbrus Besteigung schnell noch den Großglockner besteigen, und schon stellt die Höhe kein Problem - und schon gar keine Gefahr - mehr dar. Ein paar Tage in einem Sauerstoffzelt verringern die Akklimatisierung für den Kilimandscharo auf 2 Tage - Oder: Einige Wochen in einem Sauerstoffzelt schlafen, und schon ist der Mt Everest in 3 Wochen gefahrlos zu besteigen.....
Sonnenaufgang am höchsten Punkte der Welt
Pause mit dem Makalu im Hintergrund

Was ist da los? Hat sich die Physiologie der Menschen kurzerhand geändert? Oder waren alle, die sich wochenlang seriös auf ihre Expeditionen vorbereitet haben tatsächlich so unerfahren?

Jahrzehntelange Erfahrung mit Gästen in großen Höhen, ja sogar auf vier Expeditionen zum Mt. Everest, haben mich eines gelehrt: Du kannst deinen Körper niemals überlisten. Man benötigt ganz einfach - je nach Veranlagung - für eine Schlafhöhe über 3000 m, pro 1000 Höhenmeter eine Woche Zeit. Also um auf 5000 m  entspannt zu schlafen, ca. zwei Wochen Zeit. Ich selbst machte anläßlich meiner dritten Mt. Everestexpedition die Erfahrung, dass es mir umso besser - auch später in sehr großer Höhe - gegangen ist, je länger und sorgfältiger ich mich zwischen 3000 und 5000 m Höhe akklimatisiert habe. Damals sogar 12 Tage alleine in dieser Höhenlage.

Eine uralte Erfahrung unter Höhenbergsteigern ist, dass die einmal gemachte Akklimatisierung rund so lange Zeit anhält, wie man in der Höhe verbracht hat. Wenn ich also eine Woche durchgehend in großer Höhe verbracht habe, so hält dieser Zustand rund eine Woche an.
Hochlager am Cho Oyu

Wie in so vielen anderen Bereichen unserer modernen Gesellschaft ist (leider) auch in der Medizin die "Geschäftemacherei" angekommen. Und offenbar nicht nur in der Pharmabranche. Diverse "Höhenmediziner" bieten um teure Euro solche "Vorakklimatisierungen" an. Vergleicht man aber die Daten von seriösen medizinischen Studien - etwa Krebserkrankungen - so haben diese meist einige
hunderttausend Probanden. Daraus lassen sich dann relativ repräsentative Rückschlüsse auf den durchschnittlichen Menschen machen. Im Vergleich dazu gibt es bei höhenmedizinischen Tests meistens nur einige -zig Probanden. Meiner laienhaften Meinung nach, bzw. mein Hausverstand sagt mir, dass daraus noch keine wirklichen Rückschlüsse für die Allgemeinheit möglich sind.

Es gibt von Franzosen ein interessantes Projekt, wonach eine noch viel langsamere Akklimatisierung, als derzeit allgemein üblich, eine deutlich bessere Performance in extremer Höhe liefert.

Meiner Meinung nach ist die eigene Erfahrung und das Kennenlernen der eigenen körperlichen Reaktionen in der Höhe unumgänglich, will man seriös auf hohe Berge steigen und gesund wieder heimkommen.

Es gibt eben einfach keine Abkürzung zum Gipfel.

Auf der anderen Seite ist aber auch die Tatsache nicht wegzuleugnen, dass man sich leichter an die Höhe gewöhnen kann, wenn man diesen Prozess des Akklimatisierens öfter durchgemacht hat. Ein Hinweis darauf ist vielleicht auch, dass sich oft ältere Bergsteiger wesentlich leichter akklimatisieren als junge. Man kennt die eigenen Reaktionen und man lernt etwa mit der Tatsache des schlechten Schlafens besser umzugehen. In den letzten Jahren sind viele Bergsteiger immer häufiger innerhalb eines Jahres öfters über Wochen über 5000 Meter unterwegs. Natürlich kann man dann mental mit den Symptomen der Höhenanpassung besser umgehen, als wenn man nur einmal in einigen Jahren so hoch oben lebt.

Entgegen meinem Rat hat einer meiner Gäste vom Mt. Everest wochenlang vor der Expedition Zuhause in einem luftdichten "Höhensimulationszelt" geschlafen. Er wollte einfach perfekt vorbereitet auf die zwei monatige Expedition gehen. Untertags ist er aber ganz normal in seinem Alltag und Job gestanden. Die Erfahrung hat dann aber am Berg gezeigt, dass es ihm in der extremen Höhe der Hochlager um nichts besser gegangen ist, als den anderen Teilnehmern.

Ich denke, dass jeder seriöse Bergführer, der mit seinen Gästen in extreme Höhen steigt, diese nach besten Wissen und Gewissen beraten wird. Dazu gehört allerdings auch, dass man ungeeignete Teilnehmer ablehnt, bzw. einer entsprechenden Vorbereitung unterzieht und Bergreisen bzw. Expeditionen realistisch plant. Für potentielle Teilnehmer ist es aber auch in einer digitalisierten Welt  immer schwerer geworden, seriöse Veranstalter von solchen zu unterscheiden, die sich nur krampfhaft von der "Konkurrenz" unterscheiden wollen.